Philosophiestunde

Burghofbühne Dinslaken gastierte mit Ibsens „Ein Volksfeind“ in Uelzen

Krank ist von den Honoratioren keiner. Im Gegenteil, alle sind quicklebendig genug, um ihr eigenes Süppchen zu kochen in einem Skandal, der die kleine Stadt erschüttert: Das Wasser der Heilquelle, das der Kommune einige Reputation und Wohlstand brachte, ist, wie sich herausstellt, keineswegs sprudelnde Gesundheit, sondern verseucht. Durch Abwässer der Gerberei, die seit 300 Jahren ihren Standort hier hat und der moderne Umweltauflagen offenbar fremd blieben. Aber in Zeiten, wo nur nach Gewinnen gerechnet wird, auch wenn dabei alles zuschanden geht, bleibt oberste Priorität, dass das Geschäft florieren muss. Gesundheit gegen Geld. Wahrheit gegen Wirtschaft.

Die Burghofbühne Dinslaken war im Theater an der Ilmenau zu Gast. Moritz Peters inszenierte „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen. Eine gewöhnungsbedürftige, wenn auch nicht uninteressante Aufführung, die gleich zu Beginn die Zuschauer mit philosophischen Texten von Hannah Arendt bombardiert: „Niemand hat je bezweifelt, daß es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist… Sollte Betrug im Wesen der Sache liegen, die wir Macht nennen?“ Damit ist der Rahmen abgesteckt und es bleibt die Frage: Wehrt sich einer? Und wie?

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Fotos: Barbara Kaiser

Dr. Tomas Stockmann ist entschlossen, der Vertuschung Paroli zu bieten. Zlatko Maltar gibt ihn mit einem großen kämpferischen Potential. Seine Frau (Lara Christine Schmidt) bleibt tapfer an seiner Seite. Christoph Bahr ist Bruder Peter Stockmann, Landrat und im Wahlkampfmodus – es bedarf keiner weiteren Erklärung, zumal an seinem Stuhl bereits gesägt wird. Und die Presse? Thomas Hatzmann ist der Redakteur der tönenden Worthülsen, der anfangs die Zeitung gegen den Filz in der Stadt in Stellung bringen will. Ein norwegisches „Sturmgeschütz der Demokratie“ sozusagen. Wie schnell er die Richtung und die Plattformen, die er den Streitenden im Blatt gibt, ändert, ist rekordverdächtig. Schließlich sind viele Leser auch Anzeigenkunden!

volksfeind1Ibsens Drama ist eine Mischung sozialkritischer Anklage und Satire aus dem Jahr 1883. Und es erscheint uns heute aktueller denn je. Politische Hinterzimmerspiele, bestochene Lobbyisten, inkompetente Politiker, die ihr Geld in Briefkastenfirmen, bei Ibsen Aktien, bunkern und vermehren.
In Rostock übrigens inszenierte Intendant Sewan Latchinian das Stück gegen einen Kultusminister, der besser rechnen als lesen kann, der nur Kosten addiert und das Wort Kultur wahrscheinlich nicht zu buchstabieren weiß.

volksfeind2Die Burghofbühne will größeren Raum ausschreiten. Fragt nach den Begriffen Wahrheit und Meinung und ob jeder der Obrigkeit untertan sein müsse, nur weil sie die Macht über ihn hat (hier zitierte Ibsen Paulus). Und wenn Tomas Stockmann seine berühmt-berüchtigte Hassrede auf das Mehrheitsprinzip der Demokratie hält (da spricht Nietzsche aus dem Dichter), weil die Masse nichts weiß, manipulierbar ist und auch auf Hetze hereinfällt, da möchte man ihm Recht geben mit Blick auf die letzten Wahlergebnisse in diesem Land.
Ist Dr. Stockmann hier aber selber der Demagoge? Wohl nicht. In die Außenseiterrolle gedrängt, weil alle von ihm abfielen, an die er als vernünftige Majorität geglaubt hatte, spitzt er zu und ist vielleicht sogar der bedauernswerte Don Quichotte.

volksfeindDas Ensemble der Burghofbühne ist ein sehr junges. Alle stecken in Uniformem, Rock und Hosen sind aus beschichtetem, silbrigem Material. Dorfgemeinschaft eben. Die Schauspieler sagen den Text mehr auf, als dass sie ihn gestalteten. Zudem in einer Geschwindigkeit, die Mitdenken manchmal schwer macht. Immer aber mit Glaubwürdigkeit. Meist sprechen sie  ins Publikum. Das ist Brechtsches Theater und macht die Aktualität mehr als deutlich.
Wenn man sich als Zuschauer darauf eingelassen hat, stört diese Art der Statik nicht mehr. Dann verstören die Wahrheiten, die von der Bühne kommen: „Warum gibst du nicht auf?“ – „Weil ich im Recht bin!“ – „Was nützt uns  das? Er hat die Macht.“ Wer hätte solch Dialog wie den zwischen Dr. Stockmann und seiner Karén nicht schon einmal gedacht. Erlebt?

Wie geht es aus? Auf der Bühne (Jörg Zusik), die eine mit Brettern belegte Schräge ist, schlägt der einsame Held einiges zu Bruch. Karén fordert ihren Mann, der inzwischen die Arbeit verlor und mit seiner Familie aus dem Haus, das der Kurgesellschaft gehört, ausziehen soll, auf, endlich etwas zu tun. Aber hatte er nicht schon genug getan, indem er sich gegen alle herauswagte? Jetzt geht er ans Mikroskop. Ob er die Ergebnisse seiner Untersuchungen um des lieben Friedens Willens fälschen wird? Bedenken dabei sollte er jedoch, dass es nicht nur um ein bisschen verseuchtes Wasser geht…
Barbara Kaiser – 8. April 2016

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