Pas de deux mit dem Tod

Das Theater Lüneburg tanzt den „Zauberberg“ von Thomas Mann

Das darf man mutig nennen: Ein Roman-Jahrhundertwerk als Ballett zu inszenieren! „Der Zauberberg“ von Thomas Mann, dieses Epos auf den Niedergang des Bürgertums, den der Autor schon in den „Buddenbrooks“ und später im „Dr. „Faustus“ minutiös erzählt, von Tänzern darstellen zu lassen. Ganz ohne Sprache.

Das Theater Lüneburg hat es gewagt. Herausgekommen ist Sehenswertes. Auch wenn man die frappierenden Diskussionen zwischen Settembrini und Naphta nicht hört.
Die heftigen Dispute über philosophische und politische Fragen zwischen dem Italiener, dem Pädagogen, Humanisten, Revolutionär und - nach den italienischen Vorstellungen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, also 50 Jahre vor der Zeit des Romans, - auch Demokraten. Bei dem alles so freundlich klingt, was er sagt, menschlich und sympathisch - jedoch nicht stark.

Und Naphta, dem zum Katholizismus konvertierten und als Jesuit geschulten Juden, der die Negation schlechthin ist. Er vertritt die Krankheit (als Läuterung), den Tod und die Folter geschickt und mit demagogisch zwingender Kraft: Nach Abschaffung „der Greuel des modernen Händler- und Spekulantentums“ und „der Satansherrschaft des Geldes, des Geschäfts“ sei ein totalitärer, auf Terrorismus gestützter Gottesstaat zu errichten; das Prinzip der Freiheit sei ein überlebter Anachronismus.

Fotos: Barbara Kaiser

Das ist doch auf unheimliche Weise aktuell, oder? Es erklärt die Attraktivität der reaktionärsten Denkarten. Dessen Positionen man nicht mehr damit beikommt, Humanität und Frieden eben für schön zu halten und zu erklären. Für die ist Tod schön, Untergang - übrigens das Credo der Waffen-SS, das Recht des Stärkeren zu zelebrieren und für den Führer zu sterben. Das ist heute die Essenz der Höckes, Bannons und bin Ladens.

So geht der Totentanz auf dem Zauberberg. Nur der Krieg kann ihn beenden, und es bleibt schließlich offen, ob unser Hauptheld Hans Castorp, der eigentlich ein Negativheld ist, weil so gar nicht aktiv, ihn überlebt, ob er eine Erziehung durchgemacht hat und welche. Mit Schuberts „Lindenbaum“ auf den Lippen, zieht er in den Krieg. Als gewöhnlicher Heeressoldat im Schlachtgetümmel nimmt er an einem der zahllosen Angriffe an der Westfront teil. Dort gerät er schließlich aus dem Blickfeld des Erzählers. Sein Schicksal bleibt ungewiss, sein Überleben im Kugelhagel ist unwahrscheinlich.
Die Widersprüchlichkeit dieser Zeit, die im Roman stets präsent ist, zieht seine Leser in die dekadente Atmosphäre tief hinein. Kann das ein Ballett auch?

„Es ist der Krieg!“, schreit Hofrat Behrens am Schluss, ehe er ins Publikum abgeht. Dass nur keiner auf den Gedanken käme, wir blieben unbehelligt, wenn der Adler, der Leu der Lüfte, mit seinem Eisenschnabel den Menschen auf den Kopf schlägt und ihnen den Leib aufreißt! Welch Menetekel, das in den Schützengräben seine Entsprechung finden wird. „Krieg?“, fragt Hans Castorp, der sich seit sieben Jahren nicht um Politik gekümmert hat und sich auch nicht um Settembrinis Warnung scherte: „Mit der Krankheit zu sympathisieren, ist Verirrung.“ Bei Thomas Mann steht noch: „Deine Aussichten sind schlecht; das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen, dauert noch manches Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch wetten, daß du davonkommst.“

Die Lüneburger stemmen die schwierige Aufgabe, obgleich den Besuchern zu raten ist, das Programmheft vorher zu lesen, damit sie dargestellte Szenen auch verbal vergegenwärtigen. Ich habe mir den Film von Hans Geißendörfer aus dem Jahr 1982 noch einmal angeschaut, der mit Charles Aznavour und Rod Steiger großartig besetzt ist...

Die Symphoniker stockten ihr Orchester um Streicher auf und bieten den ganz großen romantischen Sound. Den brauchen sie bei Musik von Gustav Mahler und Richard Wagner auch. Daneben erklingen Noten von Philip Glass (*1937), Sergej Rachmaninow, Gabriel Fauré, Vivaldi, Gounod und Richard Strauss.

So nimmt Joachim Ziemsen beispielsweise nach dem 2. Satz des Oboenkonzerts von Strauss Abschied von seiner Marusja; das ist schöner und anrührender als so mancher Liebeswalzer – bis die Krankheit ihn anhaucht und er sterben muss.

Ballettdirektor Olaf Schmidt erfand für seine Inszenierung die Figuren der „Zeit“ und der „Tuberkulose“. Als Mahnung und Lebensende. Aber auf diesem „Zauberberg“ kümmert sich kaum einer darum. Das Memento mori – bedenke, dass du sterblich bist – wird weggetanzt und geschnattert. Die Faschingsfeier nach Musik des „Bacchanale“ aus „Tannhäuser“ nimmt Anleihe bei Goetheversen aus der Walpurgisnacht. Es ist ein Tanz der Toten, auf den Wänden erscheinen die Gerippe – der Totentanz einer ganzen Gesellschaft.

Zum Lindenbaum-Lied veranstalten die Patienten eine Stuhlpolonaise wie zum Kindergeburtstag – so ernst nimmt man das Leben auf diesem Berghof! Es ist eine einzige Feier, eine Abschiedsfeier. Die Verstorbenen werden diskret im Hintergrund auf dem Schlitten abtransportiert, damit sich bloß keiner gestört fühlt.

Etwas ganz Besonderes ist die Innigkeit von Clawdia und Hans Castorp in der Bleistiftszene, allein auf den Text von Thomas Mann bewegen sich die Zwei. Was für eine Sprachgewalt, die Gerry Hungbauer sehr kompatibel umsetzt. Hungbauer als Hofrat ist der einzige, der reden darf. Er leitet das Publikum hin und wieder durch die Handlung und macht das wunderbar. Im Glitzeranzug (er ist der Unterhalter hier) beherrscht er das Treiben perfekt, obgleich er behauptet, „doch nur Arzt“ zu sein. Nebenbei: Sohn Klaus Mann wird ähnliches seinen Hendrik Höfgen in „Mephisto“ sagen lassen: „Ich bin doch nur ein Schauspieler!“ Für die Politik ungeignet?

Zum Schluss nur Lobendes für die Company, die voller Elan agiert und die Schwüle und (Homo)Erotik der End-Zeit auf den Punkt zu bringen vermag. Mit choreografischer Erfindungsgabe, bildnerischer Gestaltungskraft und tänzerischer Präzision. Alle Tänzer sind auch komödiantisch begabt, die Solisten unangefochten. Nirgends verselbständigen sich die Bewegungen zu leerer Virtuosität, alles entwickelt sich aus dem Spiel. Voller körperlicher Geschmeidigkeit, Technikfuror und Begeisterung. Das Ganze ist eine Soiree stilistischer Vielfalt, die schon der unterschiedlichen Musik geschuldet ist.

Júlia Cortés muss als eine wunderzarte Clawdia hier keine Türen schmeißen, um sich der Aufmerksamkeit zu versichern. Francesc Marsal und Wallace Jones als Naphta und Settembrini liefern sich nach dem Klavierquartett a-moll von Gustav Mahler eine beängstigende Auseinandersetzung. Phong Le Thanh als Hans Castorp und Pau Pérez Piqué als Joachim Ziemsen ergänzen die Hauptpersonen technisch superb und in intensiver Gestaltung.

Summe: Das Ballett „Der Zauberberg“ nach Thomas Mann ist empfehlenswert! Aber reaktivieren Sie Ihre Kenntnis über den Jahrhundertroman unbedingt vor dem Theaterbesuch.
Weitere Aufführungen: Freitag, 25. Januar, Freitag, Sonntage, Donnerstag, 1., 3. 10. und 28. Februar, Sonntag, Mittwoch und Samstag, 10., 13. und 23. März, Sonntag und Freitag, 14. und 26. April, Dienstag, 7. Mai. Immer 20 Uhr, nur am 3. und 10. Februar und 10. März um 19 Uhr und am 14. April 15 Uhr.
Barbara Kaiser – 21. Januar 2019

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