Orgellehrer – Orgelschüler

Im 5. St.-Marien-Sommerkonzert saß Kantor Erik Matz selber an der Königin der Instrumente

Die Komponisten, die sich Erik Matz für sein Konzert aussuchte, folgten durch rund 100 Jahre als Lehrer und Schüler aufeinander. Es war interessant, welche Beziehungen diese Gemeinschaft miteinander verknüpften.

Beim Ältesten – Johann Staden – wusste man zwar nicht, bei wem er die Kunst des Orgelspiels erlernte, nur, dass er es beherrscht haben muss. War er doch sehr früh, von 1581 bis 1643 lebend (man bedenke, es war auch die Zeit des 30-jährigen Krieges), fürstlicher brandenburgischer Hoforganist in Bayreuth. Später kehrte er in seine Heimatstadt Nürnberg zurück.

Aber schon Johann Erasmus Kindermann (1616 bis 1655) wurde Schüler von Staden. Georg Caspar Wecker (1632 bis 1695) wiederum trat in die Schülerfußstapfen bei Kindermann. Johann Pachelbel (1653 bis 1706) stammte ebenfalls aus Nürnberg und erhielt dort seine musikalische Ausbildung, sehr wahrscheinlich auch bei Wecker. Pachelbel besetzte die Stelle des Hoforganisten in Eisenach, was die Bekanntschaft mit der Familie Bach zwangsläufig implizierte. Als er später an die Predigerkirche nach Erfurt wechselte, unterrichtete er den älteren Bruder von Johann Sebastian Bach, Johann Christoph (1671 bis 1721). Der wiederum kümmerte sich ab 1695 um die Ausbildung des kleinen, damals zehnjährigen Bruders.

Fotos: Barbara Kaiser

Über Johann Sebastian Bach muss man hier nicht reden. Sein Schüler an der Thomasschule zu Leipzig wurde um 1726 Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780), der ihm auch als Notenkopist zur Hand ging. Krebs lehnte die Organistenstelle an der Frauenkirche Dresden wegen zu geringer Bezüge ab (tapfer!), bekam aber eine Anstellung am Hofe Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg.
Christian Heinrich Rink (1770 bis 1864) wiederum war Schüler des letzten Bachschülers Christian Kittel. Hoch angesehen, einer der besten Organisten der Zeit und als Sachverständiger konsultiert, blieb seine sechsbändige „Praktische Orgelschule“ lange Zeit gültig. Rinck lehrte dann Felix Mendelssohn-Bartholdy ((1809 bis 1847) das Orgelspiel…

Das waren jetzt viele Namen und Lebensdaten, die der Zuhörer dankenswerter Weise auf dem Programmzettel des Konzerts zu lesen fand. Es lohnt sich einfach, einmal Zusammenhänge zu sehen, wo es durchaus welche gibt.

Erik Matz spielte Partituren von all den Erwähnten (außer von Christian Kittel), und eigentlich fehlte nur Buxtehude. Mehr als ein Jahrhundert Orgelschaffen – was für ein Spektrum!

Natürlich begann Matz mit dem großen Bach und sparte nicht an barocker Wucht im Präludium. Die zierlichere Fuge (D-Dur BWV 532) hatte etwas von Jahrmarktsmusik.
Die folgenden Vor-Bach-Komponisten kamen viel weniger komplex daher. Eine schöne, klare „Fuga sive Fantasia“ von Kindermann, deren Melodie noch heute kompatibel wäre. Die Partita von Wecker registrierte Matz abwechslungsreich (wenn die Stücke schon dieselbe Tonart haben), mal graziös als Glöckchen, mal als Fanfare.

Johann Christoph Bachs „Praeludium“ klingt unüberhörbar nach der Familie aus Eisenach. Und auch bei Johann Ludwig Krebs` „Praeludium et Fuga in C“ hörte man den Meister. Rincks „Fantasie in c-moll“ ist bemerkenswert avantgardistisch, mit kühnen Phrasierungen. Hier sang Bach 2.0.

Am Schluss die vierte Sonate für Orgel B-Dur op. 65 von Mendelssohn. Das war großes Kino, von Erik Matz mit hörbarer Spielfreude vorgetragen. Überhaupt verschluderte der Mann an der Orgel kaum etwas in den barocken und romantischen Klangmassen. Er hielt die Strukturen durchhörbar luftig, zelebrierte keinen Brei, sondern frische Musik, setzte auch unerwartete Akzente und Zäsuren.

Das Andante religioso der Sonate - an keiner Stelle bigott, sondern freimütig, ehrlich. Das Allegretto - bezaubernd leicht; ehe das Allegro maestoso dem Konzert die Krone aufsetzte.
Summe: Das 5. Sommerkonzert in St. Marien war musikgeschichtlich hochinteressant und von Erik Matz mit Verve in Szene gesetzt!

Am Samstag, 10. August 2019, ist Sören Wendt zu Gast. Er begleitet seinen Gesang selbst auf der Harfe. „Udkig mod norden –Ausblick gen Norden“ heißt die Stunde zwischen 16.45 und 18 Uhr.
Barbara Kaiser – 05. August 2019

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