Oma Sanne am Fenster

Lebensklug wie immer: Thomas Matschoß versucht in der Corona-Krise Normalität

Da öffnet sie das Fenster und verspricht einen kurzen Schnack kurz nach dem Frühstück. „Sie“ ist Oma Sanne, also: Thomas Matschoß vom Jahrmarkttheater. Jeden Morgen, und wir sind schon bei Tag neun, schwatzt der Autor und Schauspieler unter www.jahrmarkttheater.de/Stücke/Aktuell ungefähr eine Minute lang und vermag doch in 60 Sekunden wirklich auch etwas zu sagen. Das sollte Vorbild für Politiker sein, die nach dieser Zeit mit der Selbstdarstellung noch nicht fertig sind!

Oma Sanne also, die Kunstfigur, die sich so großer Popularität erfreut. Und langsam finde ich mich damit ab, obgleich Männer in Frauenkleidern und mein Spaß daran bei „Manche mögen`s heiß“ stehen blieb! Aber wie Matschoß Lebensweisheit und eine Portion Klamauk unter einen Hut zu bringen versteht – das macht er immer besser und man muss ihn dafür mögen.

Das kulturelle Leben liegt im Koma der Corona-Krise. Konzerte, Ausstellungen, Theatervorstellungen abgesagt. Wehe, wer jetzt kein Bücherfreund ist. Aber: Die Kulturschaffenden sind erfinderisch, sie vermarkten sich digital. Zahllos sind die Angebote zwischen Berliner Philharmonie, Alleinunterhaltern, auch Möchtegern-Sänger beglücken uns jetzt im Netz.

Fotos: Barbara Kaiser

Dass auch Oma Sanne den Kontakt zum Publikum aufrechterhält, ist unser Glück. Schließlich ist sie 100, wer weiß, wann ihr Erfinder sie sterben lässt! Und deshalb schnackt die alte Dame seit einigen Tagen jeden Morgen nach dem Frühstück in kurzen Videos; unterhaltsam und nachdenklich. Sie beklagte, dass sie ihre frischen Eier nun nicht mehr ihrer Urenkelin bringen kann, schließlich gehört die Sanne zur allerhöchsten Risikogruppe, obgleich sie einen sehr vitalen Eindruck macht. Sie hatte die Idee, daraus endlich wieder einmal selber Nudeln zu machen – das Rezept gibt es gratis dazu und eine Nudelmaschine hat es im Haushalt Matschoß/Imig zum Glück auch! Sie empfiehlt dem australischen Theaterregisseur, der in der Heide spielen wollte, am Telefon „Take care!“, damit man sich gesund wiedersehe. Oder sie tut einfach auch mal nichts. Außer Sudoku. Was man aber schon wieder nicht unter Nichtstun verbuchen kann.

Oma Sanne ist ein quirliges Wesen, so kennen wir sie! Es „ist auch eine Zeit für Fragen, nicht nur fürs Besserwissen“, verkündete sie von ihrem Küchentisch, und man möchte den Link nach Berlin weiterschicken! Und sie treibt die Frage um, wie man wohl eine Gemeinschaft aufbaut mit mehr als nur zwei Leuten?
Oma Sanne möchte sich eben nicht daran gewöhnen, dass die tägliche Zeitung nur noch davon handelt, was es nicht mehr gibt: „Abgesagt, abgesagt, abgesagt!“ Das mag für die Buchmesse, Olympia, den Feuerwehrball, den Fußball und vieles andere zutreffen – aber auch für den Krieg in Syrien und die Lage auf den griechischen Inseln?
Und vom HSV würde sie auch gerne wiedermal was hören, auch wenn der nicht aufsteigt. Das unterscheidet Oma Sanne von mir – ich hoffe, dass die 3. Fußballliga abgebrochen wird, damit mein Verein die Klasse halten kann und nicht noch tiefer absteigt ...

Für einen Schuss Humor und Lebensweisheit nach dem Frühstück sind Sie also auf Facebook, Instagram und der Website des Jahrmarkttheaters richtig, liebe Leserinnen und Leser. Vielleicht gewöhnen sich auch ein paar Computer- und Internet-Muffel an das Medium, es gibt doch so viel zu entdecken dort. Den Schmutz kann man ja ignorieren!

Aber natürlich haben wir alle genauso wie das Jahrmarkttheater Sehnsucht nach der realen Aufführung, dem realen Konzert, nach dem direkten Austausch, dem Geschichtenerzählen! In Bostelwiebeck laufen die Vorbereitungen für das Sommer-Openair von „Das Haus“, dem neuen Stück, in dem Thomas Matschoß mit Anton Tschechows Hilfe dem Wunsch „Wenn diese Mauern reden könnten“ eine Entsprechung gibt. Bis zum 30. Juli 2020, dem Tag der Premiere, ist hoffentlich eine gewisse Art von Normalität eingekehrt. Obwohl wir uns hüten sollten, dann gleich wieder zur Tagesordnung überzugehen…
Barbara Kaiser – 25. März 2020

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