Ohne Attitüde

Internationale Sommerakademie: Kammermusik-Gala Nr. 1

Die Crux des gemeinsamen Musizierens ist ja, dass gute Solisten nicht zwingend eine gute Ensembleleistung abliefern. Das ist bei Chören so, bei Orchestern und in der kleinen Formation der Kammermusik erst recht. Bei allem Anspruch auf Individualität – hier fällt es am meisten auf, wenn sich einer auf Kosten der anderen zu profilieren versucht.

Soweit die Theorie. Bei Konzerten der Internationalen Sommerakademie allerdings darf man nach langjährigen, guten Erfahrungen davon ausgehen, dass solch ein Kaprizieren nicht stattfindet. Erster Beweis des Jahrgangs 2017: Die erste Kammermusik-Gala.
Aus den genannten Gründen sind die Kollektivwilligen unter den 36 Teilnehmern offenbar recht rar gesät, denn die Dozenten mussten über weite Strecken selber mittun. So saßen Hinrich Alpers (Klavier), Andrej Bielow, Siyan Guo (Violinen) und Woijciech Garbowski (Viola) selber auf dem Podium. Für Klavier und Violoncello fanden sich allerdings Mutige: Jennifer Halim und Wanting Qiu; Alma Tedde, Sofia von Freydorf und Alice Gräfin Grote.

Fotos: Barbara Kaiser

Auf dem Programm Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Gabriel Fauré, ein schöner Querschnitt durch die Musikgeschichte.
Als Auftakt erklang das Klavierquartett Es-Dur KV 493. Das lichte Schwesterwerk zum Quartett g-moll (KV 478) entstand wenige Wochen nach der Fertigstellung von „Figaros Hochzeit“ und nimmt deren Heiterkeit mit. Im Allegro, das ein Sonatensatz ist, im singenden Dreiachteltakt des Larghetto und im spielerisch unterhaltenden Allegretto.

Jennifer Halim saß für den ersten Satz am Flügel, Alma Tedde am Violoncello blieb für alle drei Sätze; dazu Alpers, Bielow und Garbowski. Es war ein ausgelassenes Miteinander im typischen Mozart-Sound, das Cello zu Beginn vielleicht ein wenig unterbelichtet. Insgesamt aber war die Partitur klar und elegant umgesetzt, das Spiel schnörkellos, ohne Attitüde. Ein stimmungsvoller Auftakt.

Zum Zweiten: Das Klaviertrio c-moll op. 66 von Mendelssohn-Bartholdy. Andrej Bielow hatte die Hoheit an seiner Geige über alle vier Sätze. In den ersten beiden saß Wanting Qiu am Flügel, Alice Gräfin Grote am Cello. Für Satz drei und vier spielten Hinrich Alpers und Sofia von Freydorf.
Den ersten Satz, das Allegro energico e con fuoco hatte ich zwei Tage zuvor im Unterricht gehört. Qiu, Grote und Bielow zogen bis zur Aufführung das Tempo  noch einmal an – hielten es aber ohne Tadel durch. Aufgeweckt und stürmisch, sich gegenseitig befeuernd (con fuoco!), aber genauso zart und sorgsam miteinander umgehend, war diese Interpretation akribische Detailarbeit. Das Andante espressivo des zweiten Satzes pure Schönheit.
Das Hauptthema wurde vom Komponisten kontrapunktisch behandelt, was die Wirkung potenziert. Nach dem leidenschaftlichen ersten Satz war der zweite Befreiung, in dem sich die einzelnen Instrumente deklamatorisch abwechselten. Die Solisten brachten die Noten unverzagt zum Leuchten.

Ein Atemholen vor Satz drei und vier! Die machten den Abend zu einem tosenden. Voller rhythmischer Gewalt (Scherzo), Eindringlichkeit und Sprengkraft. Das Trio lässt die kompositorische Ausführlichkeit – Mendelssohn stellt im Finale Wechselbeziehungen her zu unter anderem Bach, Brahms und Bruckner – mit Maß und Balance brillieren. Nirgendwo gibt es Tempomissverständnisse unter den Spielern, sie sind in funkensprühender Hochform.
Dafür gibt es tosenden Beifall.
Nach der Pause wurde es weniger emotional: Klavierquintett d-moll op. 89 von Gabriel Fauré aus dem Jahr 1906. Der 21-jährigen Cellistin Alma Tedde (Italien/Schweiz) fiel die Aufgabe zu, gleich mit vier Dozenten zu musizieren: Den Geigern Bielow und Guo, dem Bratschisten Garbowski und Alpers am Klavier. Wenn sie aufgeregt war, sah man ihr das nicht an.

Fauré selbst hatte befürchtet, dass sein Werk wenig zugänglich sei. Die polyphone Gestaltung der drei Sätze lässt Effekthascherei nicht zu, was die fünf Instrumentalisten auch gar nicht erst versuchten. Sie bewahrten den Noten das Leichte und vermieden auch in der Lautstärke jegliche Zudringlichkeit. Das sehr lange Adagio des zweiten Satzes bewies, wie vier Streicher auf den Punkt piano zu spielen in der Lage sein und das Forte umso mehr strahlen lassen können. Wunderbar!
Mit der nötigen Nüchternheit, dabei jedoch geschmeidig atmeten die Spieler mit dieser Musik und vertrauten sich ihr an. Weil gegen den Strom schwimmen sowieso nicht gegangen wäre.
Langer Beifall nach zwei Stunden für alle. Die Kammermusik-Gala Nr. 2 gibt es schon morgen.
Barbara Kaiser - 27. Juni 2017

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben