Offline

Theater-AG der BBS I Uelzen stellt sich einem Problem der Zeit

Eigentlich sind es alle bedauernswerte Kinder. Allein trotz hunderter Facebook-„Freunde“ suchen sie Bestätigung, Trost oder Ersatz für eine Einsamkeit, in die sie der Autismus übermäßigen Smartphone-Gebrauchs gebracht hat. Anania zum Beispiel, die sich über jeden Like für ihre geposteten Fotos freut wie früher die Kinder über den ersten Schnee. Tom, der pausenlos Horrorfilme guckt bis er sich fürchtet. Lucy-Marie zieht sich den ganzen Tag Serien ins Hirn, Jacky kann ohne Musik auf den Ohren überhaupt nicht existieren und Laurens kriegt angeblich auch mit dem Blick aufs Smartphone mit, was um ihn herum passiert. Shindy überträgt die Aggressivität aus seinen Ego-Shooter-Spielen schon mal in die Realität und Milton will die Welt verbessern, weil sie von deren Schlechtigkeit überzeugt ist. Dabei liest sie Shakespeare im Original und rezitiert Hamlet, dessen Verzweiflung wohl auch die ihre ist.

Fotos: Barbara Kaiser

Diese Sieben sind M & M: Mediensüchtige Minderjährige, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen einer Therapie stellen wollen oder müssen. „Smombies“ – Smartphone-Zombies - heißt das Stück von Volker Zill, das die Theater-AG der BBS I in diesem Jahr auf ihren Spielplan hob. Wahrscheinlich wissend, dass der ununterbrochene Blick auf diesen kleinen Bildschirm krank machen kann.

Es gibt ja inzwischen Selbstversuche von Jugendlichen nicht nur in Niedersachsen, einmal eine Woche lang diese Verbindung zur virtuellen Welt zu kappen. Einfach einmal die Stille auf sich wirken zu lassen, seinem Gegenüber in die Augen zu sehen, ein reales Gespräch mit richtigen Sätzen und Nebensätzen zuzulassen. Das muss die Gruppe „Smombies“ jetzt auch, und einige zeigen deutliche Anzeichen von kaltem Entzug in der Klinik von Professor Pawlow und seinen Therapeutinnen Frau Karnikehl, Nodani und Hentschel-Diehl.

Es muss nachdenklich machen, was das Ensemble der jungen Leute um Silke Prause und Uta Schwarznecker (Regie) da auf die Bretter bringen. Aber das Ende stimmt optimistisch, denn da erfährt der Zuschauer von der WhatsApp-Gruppe, die diese Therapiegruppe inzwischen ist, dass es alle geschafft haben, sich wieder der richtigen, der realen Welt zuzuwenden und sich sogar ein paar ihrer Träume zu erfüllen.

Maylin Stein, Philipp Zadow, Leonie Kreuznacht, Cosmo Jedryczka, Vanessa Pszenica, Philipp Jonas und Lola Voigts sind die sieben M & M. Sie alle geben ihren Figuren eine große Glaubwürdigkeit – die eine oder andere Erfahrung mit der Abhängigkeit von diesen neuen Medien haben sie offenbar gemacht. Es wird mit breitem Pinsel gemalt, aber auch nuanciert getupft. Mit ausgelassener Fröhlichkeit und Hingabe kommen vor allem die Tanzeinlagen im Publikum an. Die Darsteller können sogar selbstironisch sein, die Sprache gelingt schnodderfrei.

Die Inszenierung zeigt dem Publikum Bilder, Momentaufnahmen, und verfugt sie zu einem Ganzen. Dieses Stück meint alle und könnte alle betreffen, die da im Zuschauerraum sitzen.
Igor Konczarek, Banu Iscen, Isabel Kreuznacht und Friedericke Christine Roes sind die Therapeuten – wie sich am Ende herausstellen wird, haben die eine kluge Konzeption nach der Art guter Cop/böser Cop. Der Erfolg gibt ihnen Recht! Dabei ist es ganz erstaunlich, wie sehr vor allem die drei Frauen ihren Personen Charakter verleihen.

Das Theaterstück ist dem Zeitgeist geschuldet und trifft den Nerv der Zeit. Ein Symbol bedarf nicht unbedingt der handwerklichen Meisterschaft – das ist dem Text deutlich anzumerken. Die Mitglieder der Theater-AG aber machen das Beste daraus. Temporeich und begreifbar erzählend. Die Kostüme (Silke Prause) charakterisieren die Protagonisten zusätzlich sehr treffend. Und wie aus den Süchtigen wieder ganz normale, kommunikative junge Menschen werden, das nimmt man ihnen durchaus ab. Denn es kann doch nicht sein, dass Shindy auf die Frage „Und Freunde?“ mit „Keine Zeit!“ antwortet, weil er 14 Stunden am Computer spielt. Nicht nur er hat am Schluss wohl begriffen, was er verpasst im richtigen Leben.
Die Premiere findet heute, Freitagabend, 20 Uhr, in der Pausenhalle der BBS I an der Scharnhorststraße statt. Eine weitere Aufführung gibt es in einer Woche, Freitag, 25. Mai 2018, ebenfalls 20 Uhr.
Barbara Kaiser – 18. Mai 2018

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben