Oberst Kreon vom Hindukusch

JungesSchauspielEnsemble München vergewaltigte Sophokles` „Antigone“

Eine bemerkenswerte Aufführung von „Antigone“ hatte es zwar erst vor zwei Jahren in Bad Bevensen mit dem  Ensemble des Theaters für Niedersachsen (TfN) gegeben, aber wahrscheinlich war man in Uelzen der Meinung, dass der griechischen Tragödie gar nicht genug sein könne. Deshalb wurde für die Theatersaison 2014/15 Sophokles` Stück mit dem „JungenSchauspielEnsemble“ München wieder eingekauft. Der Anreiseweg der Akteure war weiter – ihre Aufführung deshalb keineswegs besser. Oder schlüssiger gar!

Dem König Kreon in der Aufführung des TfN blieb es erspart, dass der Chor die Lehre aus seinem Tun zusammenfasste und ihm vorhält. Er durfte das letzte Wort behalten. Es ist Klagewort: „Verquer ist alles in  meinen Händen!“, ruft er am Ende verzweifelt. Er hatte seine Nichte Antigone ermordet, indem er sie für moralisches Tun zum Tode verurteilte, und trieb damit den eigenen Sohn, Antigones Verlobten, in den Tod. Er war ein König, ein Herrscher, ein Politiker, der die Welt, die er unnachgiebig regierend zugrunde richtete, erst in dem Moment begreift, da er selber Opfer wird - der eigenen Mächtigkeit.

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Fotos: Barbara Kaiser

Ohne weiße Griechengewänder, die sowieso keiner mehr erwartet, überraschte die Inszenierung aus Hannover mit einer Gegenwartstauglichkeit, die schauern machte. Hier war Theater aufs Schönste eine auf Diskussion zielende Zeitgenossenschaft.
Antigone in schwarzer Anarchistenkluft und Zottelhaar, der es nicht nur um die Bestattung ihres toten Bruders, die König Kreon unter Strafe stellte, ging, sondern auch um die Rebellion der Jugend zu jeder Zeit. Dennoch beschwor auch ihr letzter Zornesschrei die Hoffnung aller Geschichte: Es möge Sinn gehabt haben.
Kreon - der makellos gekleidete Machtmensch, der sich nach seinen Reden ans Volk die eigene Show im Fernsehen ansah (der Einsatz des Multimedialen sehr geglückt!), und dessen Wandlung die wünschenswerteste war. Der Darsteller lieh ihr die nötigen Zweifel und dem Geschehen die Aura des immerhin Möglichen. Es war eine rhythmisch stimmende und auch packende Aufführung, die das niedersächsische Ensemble damals bot.

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Gespielt vor einer weißen Würfelwand, die auch Videowand war, von der man jedoch bereits zu Beginn ahnte, dass sie am Ende in Trümmern liegen würde. Für den Streit um die Wahrheit, den Lebende mit den Lebenden führen sollten und nicht mit den Toten, hatte König Kreon keinen Partner mehr. Im Original verkündet der antike Chor: „Gewaltigen Spruch des übermütigen Mundes straft gewaltiger Schlag und lehrt selbst Alte – das Einsehen!“ –  Fürs Publikum blieb die Hoffnung.

Wenn aber nun hier über Aufführung der Münchener Gäste geredet werden muss, bleiben einem nichts als Fragen. Das ändert auch kein „Publikumsgespräch danach“, weil Theater sich selber erklären muss.
Warum also um alles in der Welt macht dieses Theaterensemble aus König Kreon einen traumatisierten Afghanistan-Veteran? „Das Stück hätte auch `Kreons Nacht` heißen können“, erläutert Regisseur Michael Stacheder zu Beginn seine Intentionen. Er änderte damit die Titel-Hauptfigur mir nichts dir nichts von der positiven Heldin in die des negativen Gegenspielers. Das Anliegen des Dichters, diese Familientragödie, in der Menschlichkeit und moralisches Tun mit einem Despoten und dessen Uneinsichtigkeit ringen, wird bei Stacheder flugs zu – ja, wozu eigentlich?

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Kreon ist bei ihm ein deutscher Oberst an der „Heimatfront“, wie das Bühnenbild kündet. Heimgesucht von Flashbacks des Krieges und von Beginn an ein Verlierer, was ihn gefährlich macht. Er ist nicht der starke Herrscher, der er bei Sophokles sein muss, um die Handlung dorthin zu bewegen, wohin sie soll. Eigentlich gehörte er auf die Psychologencouch.
Und wozu bräuchte es in der Afghanistan-Truppe überhaupt „Herrscher“? Die Mitspieler kommen als waffenstrotzende Soldaten, erkennbar Bundeswehrsoldaten, daher. Auch Antigone und Ismene. Die Erklärung, im antiken Griechenland hätten nur Männer auf der Bühne gestanden, reicht hierfür einfach nicht aus. Mit dieser Besetzungswahl verroht die Inszenierung die Humanität der Tragödie. Der weise Seher Teiresias geht als Gespenst um.

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Das alles wird obendrein schlecht gespielt, was fast schon egal ist, denn man sehnt das Ende der 90 Minuten herbei. Dass die wunderbaren wie bedenkenswerten Verse des Chores „Schrecken verbreitet vieles – nichts tieferen Schrecken als der Mensch…“ mit einem Film aus Afghanistan unterlegt werden, verfehlt schlicht die viel größere Aussage dieses Textes. Wie viele andere Ansätze dieser Konzeption genauso.

Der antike Chor ist zur Presse verkommen – das mag noch einleuchten. Ist die verallgemeinernde, erklärende und wertende Funktion dieser Schauspieler in der Gegenwart doch schon lange einer Debattenkultur gewichen, die den Namen nicht verdient.
Aus „Antigone“ ein Kriegsstück zu machen, wo es dem menschlichen Mitfühlen und der Demokratie ein Lied singt, ist Anmaßung. In dieser Münchener Inszenierung durchstolpern die Darsteller wie fremdgesteuert die Texte. Charaktere – nirgends. Anspielungen eher platt. Wenn die „Chorführerin“, die Reporterin, „Good Morning, Afghanistan“ sagen kann als Auftritt, denkt man natürlich an Barry Levinsons Film „Good Morning, Vietnam“ mit Robin Williams. Das Theater  jedoch ist weit entfernt von dessen subversiver Themenbewältigung.
Und auch „Lili Marleen“ bleibt uns nicht erspart! Das Lieblingslied deutscher Landser aus dem Zweiten Weltkrieg….  Es war ein verschenkter Theaterabend.
Barbara Kaiser – 26. November 2014

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