Nur Zirkus

Burghofbühne Dinslaken gastierte mit „Bunbury“ von Oscar Wilde

Oscar Wilde – das sind geistvoll-paradoxe Bonmots, verblüffende Frechheiten und glänzende Sottisen! Wilde, der Dandy, der nichts ernst nahm, der hochmütig, fantasievoll und spöttisch über alle und alles her zog und mit viel Charme albern zu sein verstand. Der Dichter der aphoristischen Eleganz, auch Arroganz, den die High Society fallen ließ, als er nach zwei Jahren Zuchthaus wegen „sittlicher Verfehlungen“ nicht mehr das wilde Kind der Londoner Salons war.

 

Oscar Wilde`s Meisterstück ist wahrscheinlich „Bunbury oder die Kunst, ernst zu sein“ aus dem Jahr 1895. Damit gastierte die Burghofbühne Dinslaken im Theaterring des Kulturkreises Uelzen. In der Regie von Nadja Blank fehlte der Aufführung jedoch alles, was dieses Stück ausmacht. Die Inszenierung hatte keine Idee, betrieb aber viel Aufwand. Es war eine biedere Feier, der jegliche Magie fehlte, wo alles überanstrengt und fingerzeigend überdeutlich daher kam. Und die die Londoner Gesellschaft obendrein ins Zirkuszelt verlegt sehen wollte.

So zappelten die Akteure über die Podeste, die meist der Elefantendressur vorbehalten sind. Manchmal stapelten sie daraus etwas einer Torte ähnliches. Die Kostüme waren schrill und bunt. Philip Pelzer (Jack), Malte Sachtleben (Algernon), Lisa Marie Gerl (Gwendolen), Julia Sylvester (Cecily), Andreas Petri (Diener/Gouvernate) und Jasmina Musić (Lady Bracknell/Pastor) kasperten sich durch zwei Stunden, in denen es keine Lacher gab. Weil die Leichtigkeit und Ausgelassenheit fehlten und kein Bannstrahl bis ins Publikum reichte. Und weil solch bedenklichen Bonmots wie: „Ich liebe Schwierigkeiten, das ist das einzige, was man nicht ernst zu nehmen braucht“ bierernst daherkamen. „Du redest Unsinn“, erwiderte der Freund. „Das machen doch alle“, ist die Antwort. Cecily zitierte aus ihrem Tagebuch Helene-Fischer-Texte und intonierte schon mal Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“. Charaktere? Fehlanzeige. Typen vielleicht. Die Frauen mit einem fatalen Hang zur nervensägenden Sirene.

Die Abwesenheit von Scheu – um von Respekt oder Ehrfurcht gar nicht erst zu reden – ist ja oft ein Problem des Gegenwartstheaters. Da latscht aufreizend lässig  Besitzergreifung des Dichters über die Bühne. Interpretation ist unmodern. Stattdessen gibt es einen beliebigen Mix von Einfällen. Allerdings: Nichts ernst zu nehmen funktionierte im Zirkus auch nicht. Dort passiert harte Arbeit, ehe die Darbietungen unbeschwert, fröhlich und beeindruckend in die Manege kommen.

Nadja Blank aber gibt im Programmheft-Interview kund: „Es gibt eigentlich keine realistisch gespielten Dialoge – das Spiel ist für die Manege des Lebens bestimmt.“ Oder: „Das Streben nach Geld und gesellschaftlicher Anerkennung, der Aufbau einer Scheinidentität, insbesondere durch Facebook, Instagram, Tinder und Co.,  Lebenslügen und Doppelmoral – all das ist auch heute noch virulent oder vielleicht noch virulenter geworden.“

Dazu denke sich jetzt jeder, was er mag.

Im Theater wird ja heutigen Tags zu sehr auf Amüsement denn Tiefsinn gelauert. Oscar Wilde hätte beides hergegeben. Allerdings nicht in dieser Aufführung. Die mit ihrem Unsinn, dem Trachten nach einem anderen Schein und den Vertuschungen, Verwechslungen und Verwicklungen so gähnend leer an Inspiration war wie der Zuschauerraum im Theater an der Ilmenau.

Barbara Kaiser – 21. Dezember 2019

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