Nicht nur Netto-Virtuosität

Klavier-Meisterklasse Winterakademie mit Konzert abgeschlossen

Eigentlich sind es noch zwei Tage, die für den Unterricht bleiben. Aber: Man wolle niemandem dazwischen grätschen angesichts der zahlreichen Veranstaltungen zum Jahresbeginn, so Hinrich Alpers in seinen Begrüßungsworten. Die 3. Winterakademie, der „Nebenzweig zur Sommerakademie“, bewies mit ihrem Abschlusskonzert auf der Hinterbühne des Theaters, dass es keinen Unterschied gibt im Niveau, der guten Stimmung und Atmosphäre und dem Engagement der Studenten zwischen den Jahreszeiten. „Nur dass wir eben jetzt alle Türen zumachen wenn wir rausgehen und was überziehen müssen“, resümiert Alpers, der sich ansonsten angetan und sehr zufrieden zeigte.

Eine Woche Meisterklasse Klavier. Nur Klavier. Das ist der einzige Unterschied zwischen Sommer und Winter. Weshalb die Veranstaltung ja auch inzwischen nur noch „International Academy of Music“ heißt. Mit zwei Stunden Konzert und einem Büfett wurde das Ende zelebriert. Bis zum nächsten Mal: Zur Nr. 11 im Juli und der Nr. 4 im kommenden Januar!

Es gab einige bekannte Gesichter unter den jungen Pianisten, die insgesamt eine sehr ordentliche Vorstellung ablieferten. Nicht bloß „Netto-Virtuosität“, wie es Professor Dr. Hans-Helmut Decker-Voigt einmal nannte angesichts eines Konzerts, das so gar nicht das Herz zu berühren vermochte.

Knut Hanßen

Zwischen Bach, Mozart, Beethoven und Brahms, Debussy, Ravel und Chopin. Und: Modest Mussorgski. Knut Hanßen war damit mein heimlicher Favorit. Er interpretierte zwei „Bilder einer Ausstellung“, die Hütte der bösen Hexe Baba Jaga und das Großen Tor von Kiew. Unter seinen Händen loderten diese Noten, atmeten Frischluft, durchfluteten die Sinne. Der Pianist holte die Majestät der Partitur nicht aus dem Forte. Der 26-Jährige aus Deutschland hatte bereits im Sommer aufhorchen lassen, als er Paul Hindemith spielte. Für den Mussorgski bekommt er von mir volle Punktzahl! Alle anderen mögen so viel Subjektivität verzeihen!

Aber auch Séverine Kim aus Korea – ebenfalls eine Bekannte – überzeugte mit ihrem Part aufs wunderbarste. Die Intermezzi 1&2 op. 118 von Johannes Brahms entfalteten sich bei ihr perlend, so vital wie fragend.

Nina Gurol

Oder Nina Gurol (Deutschland) und Angie Rosselin Chan (Indonesien): Der erste Satz der Sonate Es-Dur KV 282 war ein Bollwerk des intelligenten Eigensinns, denn Adagio ist überhaupt das Schwerste, junge Pianisten lieben meist den Donner mehr. So leichtfüßig und wenig süß hört man Mozart selten. Und Claude Debussys Ausschnitt aus „Images“ (Durch Laub hindurch klingende Glocken) war eine gemalte Klangatmosphäre aus Wachheit, Konzentriertheit und Esprit.

Leon Wenzel

Yi-Teng Huang (Taiwan), Leon Wenzel (Deutschland) und Norina Hirschi (Schweiz) spielten Chopin. Musik, die heraus wollte aus der klassisch-romantischen Käfighaltung! Die drei verbanden Grandezza mit der Lust am Tändeln, jedoch ohne selbstgefällige Gedankenlosigkeit. Und Ron Maxim Huang (Deutschland) beschloss nach der Übergabe der Urkunden das Konzert mit einer Auswahl von Brahms` Paganini-Variationen op. 35. Seine Wechsel zwischen abenteuerlichen Piani und kraftvollem Auftrumpfen ließen dem Zuschauer keine andere Wahl denn  Begeisterung.

Dr. Theodor Elster, der Vorsitzende des Vereins Sommerakademie, überreicht den Dozenten Bernd Goetzke und Hinrich Alpers eine Flasche Wein.

„Lebe so, dass du am Ende auf jeden Fall sagen kannst: Ich war kein Feind der Musik“, verlangte der französische Trompeter Maurice André († 2012). Ich denke, „Feinde der Musik“ sind in dieser Stadt nicht das Problem! Dank an die jungen Künstler, die Dozenten Bernd Goetzke und Hinrich Alpers und alle ehrenamtlichen Helfern für den Beweis dazu.

Barbara Kaiser – 8. Januar 2020

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