Nicht kompatibel

Hans Scheibner war im Kurparkzelt zu Gast, sezierte Gesellschaft und sein gelebtes Leben

Der Mann ist ein Geschichtenerzähler und Spaßmacher. Genauso gut jedoch auch politischer Kabarettist, obwohl nicht von der Schärfe eines Georg Schramm, Urban Priol oder Volker Pispers. Hans Scheibner ist in Hamburg zu Hause – warum nur besucht er diese Region so selten? Zwei Mal in zehn Jahren trat er in Uelzen mit einem Weihnachtsprogramm auf. In Bad Bevensen hat er bis jetzt gar nur Fußball gespielt! Im Jahr 1994 mit der NDR-Prominentenmannschaft gegen eine Stadtauswahl. Altbürgermeister Knut Markuszewski ließ es sich nicht nehmen, auf die Bühne zu schreiten und daran zu erinnern. Die Medienleute gewannen damals übrigens sieben zu fünf.

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Fotos: Barbara Kaiser

Nun aber war Scheibner, der Ende August dieses Jahres 80 wird, im gut besuchten Kurparkzelt zu Gast. „Nicht kompatibel“ nennt er sein Programm. Der Zuschauer weiß es: Der da oben auf den Brettern will nicht in diese kapitalistisch ungerechte Welt passen, hat sich ihr noch nie angeschmiegt, geschweige denn angedient. Er hat dafür berufliche Nachteile in Kauf genommen, wozu ohne Zweifel Haltung gehört.

Weil mit fast 80 Lenzen auf dem Buckel die Luft knapper wird, was der Akteur ohne Scham zugibt, hatte er sich einen Abend vorgenommen, der Altes und Neues mischt, gelesene Texte und Lieder zusammen rührte. Es wurden mehr als zwei Stunden, die nachhallen.
Zuerst die Neuigkeit: Hans Scheibner hat seinen Lebenslauf aufgeschrieben. In dem Alter wird das Zeit. Und im Gegensatz zu 25-jährigen Mittelstürmern oder Torhütern, die ebenfalls von diesem oder jenem  Buchcover grienen, hat er uns etwas mitzuteilen. Aus diesem autobiografischen Text liest er.

scheibner3Zunächst geht es um die Gesundheit: „Ich kann es eigentlich nicht fassen,/ die Kondition hat nachgelassen. Doch was soll denn sein, das Leben ist ja schön,/ und man sieht ja auch viel mehr beim Langsamgehn.“
Als Hänschen Scheibner geboren wird, waren „der große Führer und seine wahnsinnigen Genossen schon drei Jahre an der Macht.“ Der kleine Hans bringt im Kino seinen Vater beinahe in die Bredouille, als er bei „Fox – Tönende Wochenschau“ im Angesicht dieses Gröfaz laut fragt, ob das schon der angekündigte Kasper sei.

Es ist ganz gleich, wie viel Dichtung und Wahrheit Scheibner mischt. Ob er – dankbar - über seine Frau singt, eine neue junge Liebe oder die Eifersucht im Altersheim. Über die gestressten Reichen oder die sich wahnsinnig wichtig nehmenden Jungen im  Hamsterrad. Wenn er sich danach sehnte, ein Igel zu sein, weil die Welt dann zwar stachelig, aber dafür ruhig und friedlicher wäre. Oder ob er über die Banker parliert – ein Text aus seinem 2013 uraufgeführten Schauspiel „Die Geiselnahme“ – oder über die Mittelmäßigkeit, ein Song an einen gewissen Journalisten, dessen Name auch Feigheit sein könnte.

Sein Leben entbehrte nicht der absurden Momente, der glücklichen Zufälle, der mutigen Auftritte. Er liest aus dem Buch (das im Sommer erscheint) und singt zwischendurch. Am E-Piano wird er auf wunderbar lässige Art begleitet von Berry Saluis, der seine Verse seit langen Jahren vertonte und sich kongenial einstellen kann auf seinen Partner.

scheibner2Wenn Hans Scheibner seine „Brockdorf-Ballade“ darbringt, die neun Minuten dauert und eine Verwandlung des alten Märchens „Vom Fischer und sin Fru“ ist, dann erschrickt man, wie hellsichtig das Ganze schon im Jahr 1976 war: „So was gibt`s nur in Achterdiek. Und das liegt hinterm Deich./ Was in Achterndiek in der Nacht geschieht,/ das glaubt kein Mensch, dass es sowas gibt,/ da fehlt dir der Vergleich.“ Da wünscht sich des Fischers Frau erst einen Autobahnzubringer für die erhoffte Prosperität im Ort, dann ein Industriezentrum und am Schluss ein Kernkraftwerk. Als der Fischer verzweifelt sich selbst zum Gott wünschen will – weil der Butt dann ja vor Ärger alles wieder auf Anfang setzt – ist der Fisch im dreckigen Fluss längst krepiert….

Scheibner erzählt auch von der Talkshow seines Lebens am 1. November 1985, als er auf einer Feier zum 30. Geburtstag der Bundeswehr mit einschlägiger Gästeliste an Lysistrata erinnert. Diese mutige Griechin, die die Frauen aufrief, sich den Männern zu verweigern, bis die endlich Frieden schlössen. Für diesen provokanten Auftritt flog er beim NDR raus. Zunächst. Wir kennen ihn später als Wochen-Resümierer mit Airedaleterrier Willi in „DAS“, der abendlichen Lokalsendung des Norddeutschen Fernsehens.

scheibnerWahrheiten kommen immer noch „scheibchenweise“ ans Licht. Deshalb kann der Namensvetter sein Lied „Das macht doch nichts, das merkt doch keiner“ aus den 70er Jahren stets mit neuen Strophen versehen. Aktuell ist es allemal: „Wir messen unsern Abgaswert zu Hause und allein./ Das machen wir seit Jahren so, da pfuscht uns keiner rein…“ Jetzt hat`s aber, wie fatal – doch einer gemerkt!

Vor zehn Jahren sang der Kabarettist in Uelzen sein Lied: „Wenn die Welt verkehrt rum wär/das wär doch gar nicht dumm. Denn wenn die Welt verkehrt rum wär, dann wär sie richtig rum!“ Mit aller Konsequenz stellt uns der Schauspieler das Verkehrte dieser Welt vor Augen. In der Hoffnung vielleicht., dass sein Publikum etwas fürs „Richtigrum“ tun möge.
Barbara Kaiser - 25. April 2016

1 Antwort

  1. Hans Scheibner gehört zu denen, die meine Jugend und mein junges Erwachsenenleben mitgeprägt haben. Damit steht er in einer Reihe mit Mey, Lindenberg, Wecker, Hildebrandt (um nur einige wenige andere zu nennen). Lieber Hans, hab Dank für deine Zeit.

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