Nicht allein gelassen

Jahrmarkttheater Wettenbostel eröffnete Saison mit Einsamkeits-Show

„Wer eine Katze hat, braucht das Alleinsein nicht zu fürchten“, war sich Daniel Defoe sicher. Der Mann musste es wissen, schließlich hat er seinen Robinson Crusoe 28 Jahre lang auf einer einsamen Insel leben lassen.
Als ich nach Ende der zweieinhalb Stunden Einsamkeits-Show, mit der das Jahrmarkttheater Wettenbostel in die diesjährige - die elfte - Openair-Saison startete, in meinem Bett lag, hatte ich einige Erkenntnisse gewonnen. Dafür bekommt jedes Theater einen Bonuspunkt! Mit welcher der Figuren da auf der Bühne ich mich jedoch identifizieren mochte? Keine Ahnung!

Erkenntnis eins: Ich bin zwar ab und zu gerne allein – einsam aber bin ich nie. Erkenntnis zwei: Das Jahrmarkttheater Wettenbostel wird lauter. Schriller auch. Noch nie habe ich erlebt, dass Zuschauer in der Pause gingen; in diesem Jahr sehr wohl. Erkenntnis drei: Das ist nun wirklich keine neue – das jüngste Stück von Thomas Matschoß ist Geschmackssache mehr als es alle anderen davor waren. Die Sehnsucht nach der Aufführung eines Klassikers wächst weiter.

Der Abend beginnt mit einem Jahrmarktareal. Nein, stopp! Zuerst singen sie alle das traurige Lied „Only the lonely“ – dass nur die Einsamen wissen, um welches Gefühl es geht am heutigen Abend und dass dieses Gefühl nicht gut ist… Dann können sich die Besucher auf dem Budenmarkt zerstreuen. Es gibt eine Fress-Bude mit einsamen Süßigkeiten in großen Gläsern. An der Spiel-Bude geht`s um Tucholskys Weisheit: „Das ist schwer: ein Leben zu zwein./ Nur eins ist noch schwerer: einsam sein.“ In der Schieß-Bude darf jeder auf den Zylinder des Inhabers zielen, der bei Treffern ein ganz persönliches Einsamkeitsvertreibungslied singt. Eine End-Bude gibt es auch, Probeliegen in einem Sarg inklusive. Das trauen sich nur wenige, man will ja das Schicksal nicht herausfordern! Die Betreiber der Orakel-Bude dagegen haben immer jemanden bei sich sitzen.

Fotos: Barbara Kaiser

Nach diesem Jahrmarkt der diversen Einsamkeiten (Regie: Andrea Hingst) ergeht die Aufforderung, in der Reithalle Platz zu nehmen. Für „The greatest show of loneliness“. Ja klar, es muss der Superlativ sein (Regie: Barry Goldmann) – oder ist es eine Ironie auf unsere Zeit, die ohne den nicht auszukommen scheint?

Was folgt ist eine Nummernrevue mit Lust am Klischee und Freude am Slapstick. Die Darsteller hangeln zwischen Livemusik (Markus Voigt), Text und Kostümwechsel. Es dominieren die Farben Rot und Blau. Dörthe Breidenbach, Kristin Norvilas, Axel Pätz, Konstantin Buchholz, Robin Bongartz und Thomas Matschoß erzählen diverse Geschichten. (Geschichten zu erzählen war immer das Hauptanliegen des Jahrmarkttheaters!) Sie werfen den Zuschauern Bilder vor die Füße, sorgen jedoch nicht immer für deren Verfugung. Manchmal bleibt das Ganze spröde, weil die Aufführung mehr nach draußen ruft, was sie zu sagen hat.

Meist ist es ein fröhlicher Abend auf die traurige Wahrheit, dass wir alle irgendwann einsam sind. Und das Naive besitzt ja einen vertrackten Zauber.
Das Ensemble ist mit gewohnt vollem Einsatz bei der Sache, es wird mit breitem Pinsel gemalt, manchmal auch nuanciert getupft. Am meisten anrührend die Lieder der zwei Mädchen des Ensembles. Zum Beispiel wenn Kristin Norvilas solo ein russisches Kinderlied auf neue Noten von Markus Voigt singt. Zart, zerbrechlich, wunderbar.

Der Abend stellt auch einen Rundgesang unserer Illusionen dar: Der etwa, wir wären auf einer Insel allein glücklicher. Oder wir könnten den Vertrag, den wir mit der Liebe haben, einfach kündigen. Nur im Märchen gibt es auf alles eine schöne Antwort.
In Wettenbostel bleibt zwar am Ende keiner allein – ob er einsam ist, muss er letztlich selber wissen. Denn: „Einsamkeit ist cool oder Mist./ Sie trifft dich überall,/ egal, wo du bist!“
Barbara Kaiser – 26. Juli 2018

Weitere Vorstellungen: Freitag/Samstag, 27./ 28. Juli 2018. Die Freitage bis Sonntage, 3./4./5. August, 10./11./12. August, 17./18./19. August, Samstag/Sonntag, 25./26. August. Immer 19.30 Uhr. Siehe auch: karten@jahrmarkttheater.de oder www.jahrmarkttheater.de

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