Neunmal Beethoven

Hinrich Alpers legt CD-Box mit den Sinfonien des Wiener Meisters vor

Es war ein Marathon. Aber der Pianist Hinrich Alpers ist einem Extremsportler nicht unähnlich. Er spielte das Klaviergesamtwerk von Maurice Ravel ein (honens 2015) und bescherte den Konzertbesuchern nicht nur dieses Landkreises mit den 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven musikalischen Hochgenuss (2014/15). Er widmete sich Schumann (honens 2008) und der neuen Musik (unvergessen: „Sonatas und Interludes“ von John Cage, 2012) genauso, wie er seit nunmehr elf Jahren künstlerischer Leiter der Sommerakademie und seit 2018 Opus-Klassik-Preisträger ist. Aber man muss keine Eulen nach Athen tragen, die Aufzählung bliebe sowieso unvollständig. Jetzt erschien die CD-Box mit der Einspielung der Beethoven-Sinfonien in der Klavierübersetzung von Franz Liszt (Sony).

Der Name Beethoven ist heilig in der Kunst“ – mit diesem Satz begann Franz Liszt das Vorwort zur Ausgabe seiner Klavierpartituren der Meisterwerke des Wiener Klassikers. Vielleicht sieht das Hinrich Alpers ähnlich trotz seiner vielfältigen Reisen durch die Musik? Auf jeden Fall war der 250. Geburtstag in diesem Jahr Anlass genug, die neun Sinfonien in der Lisztschen Transkription einzustudieren und aufzuführen.

Der klassisch-romantische Generationenkonflikt ist ganz grundsätzlich eine reizvolle Herausforderung bei der Interpretation der neun Beethoven-Liszt-Sinfonien. Die Frage ist: Was bleibt streng klassisch? Was wird freier, romantischer? Wo zieht man die Grenzen, und zieht man sie in unterschiedlichen Werken immer an derselben Stelle? Denn wir dürfen nicht vergessen, dass mit Beethovens Tod 1827 die Wiener Klassik nach der Zeitrechnung zu Ende gegangen und die Romantik längst auf dem Vormarsch war.

Das bleibt für Hinrich Alpers die Herausforderung. Dazu kommt, dass Beethoven ja am Klavier komponiert hat – jetzt ist der Solist wieder zurückgeworfen auf nur dieses eine Instrument. Außerdem hat Franz Liszt nicht nur die Motive, Themen und Melodien auf Klavier „umgeschrieben“ oder heruntergebrochen – der Komponist schuf mit seinen Klavierpartituren keinen „kleinen“ Beethoven, sondern ein großes Werk. Einen Liszt eben. Immer aber in der Ehrfurcht und auch Demut vor seinem Kollegen, den er als Jugendlicher noch gekannt und hoch verehrt hatte. Aber Liszt besaß eben auch das Selbstbewusstsein, vor diesem Übermaß an Musikalität, vor dem Genius nicht zu kapitulieren, obgleich er sich lange Zeit ließ mit der Veröffentlichung. Es sollte perfekt sein.

Franz Liszts Klavierbearbeitungen der neun Symphonien Ludwig van Beethovens sind ein Meilenstein der Klavierliteratur des 19. Jahrhunderts. Ihr Reichtum an Details, ihr Grad der Polyphonie und nicht zuletzt ihre unerhörte Virtuosität sind selbst für Lisztsche Verhältnisse beispielhaft.“ Das schreibt Hinrich Alpers im Booklet der CD-Ausgabe, und er erklärt, warum Klavierpartituren so wichtig waren in dieser Zeit. Weil – wir vergessen es allzu oft beim Griff zur Konserve und beim Klick auf den nächsten Streamingdienst – die Reproduzierbarkeit von Musik damals ausschließlich Livemusik hieß. Konzertsaal also oder Hauskonzert für die, die es sich leisten konnten. Eigentlich ist live auch heute durch nichts zu ersetzen. Wer den Unterschied nicht kennt, ist für einen Konzertbesuch wahrscheinlich verloren.

Aber um Begeisterung zurückzurufen, Gefühle und Eindrücke in der Erinnerung zu festigen, ein Erlebnis wachzuhalten – dafür sind Musikkonserven immer gut. Denn wer imaginierte zu einer bestimmten Musik nicht ein bestimmtes Ereignis?

Und so können sich alle Hörer, aber natürlich auch die, die nicht dabei waren auf der Hinterbühne des Theaters oder in St. Marien, erneut den Noten zu Füßen werfen. Können schwelgen bei der Verbeugung Beethovens vor der Haydn-Mozart-Tradition von Sinfonie Nr. 1 oder sich freuen am künstlerischen Dementi des erschütternden Heiligenstädter Testaments, der fröhlichen Sinfonie Nr. 2. Man kann die Nr. 3 wie Romain Rolland hören, als tönendes Epos einer neuen Epoche und die Nr. 4 mit Robert Schumann „die griechisch-schlanke“ nennen. Bei der Nr. 5 sind sich wohl alle einig: So pocht das Schicksal an die Tür – vergessen sei bei dieser trivialen Deutung aber nicht die ungeheure musikalische Wucht dieses Werkes.

Die Reise übers Land mit der „Pastorale“, der Nr. 6, oder das patriotische Fanal gegen Napoleon, die Nr. 7, die humoristische Nr. 8, der kleine Scherz für den Metronomerfinder Johann Nepomuk Mälzel – immer wieder überraschte Beethoven seine Zuhörer. Und die Nr. 9, die malträtierte, fast totgespielte Melodie auf Schillers Verse – zum Glück wusste Liszt davon noch nichts, dass die Noten inzwischen Handyklingeltöne sind….

Der Ansatz von Franz Liszt „war dabei durchaus verschieden von dem des Klavierauszuges“, schreibt Alpers in seinem Text. „Das Wort `Auszug` verrät ja bereits, dass dem zugrundeliegenden Werk etwas `entzogen` werden muss und manches dabei wohl auf der Strecke bleibt. Liszt wählte daher die Bezeichnung Klavierpartitur …, um der Tatsache Ausdruck zu verleihen, dass hier das Werk in möglichst voller Tiefe auf dem Klavier wiedergegeben wurde. Nichts Wichtiges sollte weggelassen, aber auch nichts hinzugefügt werden – es entstand aus den Symphonien idiomatische, gewissermaßen echte Klaviermusik, die das Attribut `auszugsweise` nicht mehr zu befürchten hatte.“

Und so sind die CDs eine Entdeckungsreise, obgleich hier noch nichts zur Spielweise und Interpretation von Hinrich Alpers gesagt wurde. Aber das ergäbe auch wieder die sprichwörtlichen Eulen. Ein kurzer Versuch: Nirgendwo herrscht in seinem Spiel selbstgefällige Gedankenlosigkeit. Wenn der Pianist etwas monumentaler anlegt, so bleibt es an den richtigen Stellen laut, ist jedoch nie plump oder zu breitspurig.

Alpers war schon immer der Mann für starke Gefühle, als Solist und Kammermusiker gleichermaßen. Er beherrscht eine gewisse vornehme Distanziertheit genauso wie eine große Emotionalität, die nicht süß ist und Strukturen verklebt. Mit Unausweichlichkeit greift der Musiker ans Herz, jubelt ohne Pathos aber mit Empathie, unterstreicht der Musik immanente Schönheit, Klarheit und ihren Glanz.

Es sei ihm eine Ehre gewesen, im Jubiläumsjahr diese Beethoven-Liszt-Kooperation einzuspielen, sagte Hinrich Alpers, nachdem es vollbracht war. Uns Zuhörern bleibt er live noch die Sinfonie Nr. 9 schuldig, aber diese Aufführung ist in Zusammenarbeit mit Erik Matz in Vorbereitung, wann immer die gegenwärtige Lage sie zulassen wird. Bis dahin haben wir die CDs; die Nr. 9 mit dem Rias-Kammerchor (Einstudierung/Leitung: Justin Doyle) und den Solisten Christina Landshamer (Sopran), Daniela Denschlag (Alt), André Khamasmie (Tenor) und Hanno Müller-Brachmann (Bass).

Bis zu einem großen Liszt-Jubiläumsjahr dauert es noch eine Weile. Derweil können wir im Dezember auf Beethovens 250. anstoßen (getauft am 17. d. M.) und seine unglaubliche, ungeheuerliche, unsterbliche, wunderbare Musik hören. Die CD-Box ist ab sofort erhältlich in der Tourist-Information Uelzen, sie kostet 40 Euro.

Barbara Kaiser – 06. November 2020

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