Neue, kühne Töne

Kammerorchester Uelzen mit traditionellem Jahreskonzert inklusive Uraufführung

„Neue Töne“ hieß der Auftritt des Uelzener Kammerorchesters in diesem Jahr und eine Eule zierte das Programmheft. Nun sind diese Nachtvögel gerade total angesagt, kein Gegenstand scheint ohne sie auszukommen. Für das Konzert des Kammerorchesters in St. Marien (einen Tag zuvor in der Musikschule Lüneburg) galt jedoch: Diese Eule ist kein Accessoire, sondern Uraufführungstitel! Aber vielleicht der Reihe nach:

Heiko Schlegel, Musikpädagoge und Leiter des Klangkörpers, verpflichtet sich in seinem Wirken sehr oft neuen Noten. Zumindest selten gehörten. Dass er dazu als Solisten junge Menschen einlädt, ist ein Verdienst, das nicht hoch genug zu würdigen ist.
In diesem Jahr begegnete dem großen Publikum Lisa Butzlaff wieder. Bereits vor drei Jahren hatte die junge Russin mit ihrer Flöte einen phänomenalen Eindruck hinterlassen. In diesem Jahr war sie die Solistin in Carl Philipp Emanuel Bachs (1714 bis 1788) Concerto d-moll (Wq 22) und in der „Suite Antique“ von John Rutter (*1945).

kammerorchester4Die Flötistin musizierte ganz ohne vordergründige Brillanz und Virtuosität, dafür mit einem breiten Fächer an Sensibilität. Dazu gesellte sich eine orchestrale Artikulation, die ausgewogen und klanglich attraktiv war. Vorbei die Zeiten, in denen Schlegel mit seinen Streichern einen undefinierbaren, phlegmatischen Klangbrei ablieferte. Seit ein paar Jahren ist das Kammerorchester flott und frisch unterwegs. Ohne die geringste Zimperlichkeit phrasiert es nie langweilig, manchmal so, dass die alten Noten wie neu daherkommen, der musikalische Drive besitzt ohne jeden Zweifel Klangschönheit.
So war die Flöte eine Zauberflöte, vor allem technisch unangefochten. Das Cembalo (Ghislaine Sziden-Schmidt) erwies sich als wohl akzentuierende Grundierung. Der Gesamtton ist nicht anders als sehr wach und wohlfeil ausgehört zu nennen.

Was für den Bach galt, war für John Rutter gesetzt. Treue Zuhörer in Uelzens Hauptkirche kennen den Engländer auch als den Vertoner liturgischer Texte, Kantor Erik Matz hatte dessen  Requiem 2007 im Weihnachtsprogramm. Rutter, der die großartige Totenmesse von Gabriel Fauré studierte und sich davon inspirieren ließ, schuf darin wunderbare musikantische Bögen, erzählende Passagen. Kein verzweifeltes „Erhöre mein Gebet…“, eher ein seliges, melodisches, auftrumpfendes Selbstvertrauen. Ein donnerndes „und ich hoffe auf sein Wort“ und ein „lux perpetua“ – „ewiges Licht“ – das auch musikalisch leuchtet und alles überstrahlt.

kammerorchester3Mit dem Kammerorchester nun eine Suite für Flöte und Streicher: Ein Panflöten-„Prelude“, das „Ostinato“ (sich wiederholendes Motiv) eine Piccicato-Petitesse, die „Aria“ elegisch, der „Waltz“ vielleicht an Schostakowitschs Walzer in seiner Jazz-Suite angelehnt, das „Chanson“ eher slawisch denn französisch und das abschließende „Rondeau“ eine spritzig, fast lateinamerikanisch rhythmische Angelegenheit.
Die Musiker verbeugten sich auf eindrucksvolle Weise vor diesem Komponisten, der Tradition und Moderne so stilsicher zu verflechten weiß, der das Zwitterwesen Alt-Neu erfühlen lässt. Immer klangfest das Orchester, anständig konturiert. Die Solistin höchst differenziert (und aufregender als bei Bach), stets präzise und transparent. Das Versunkene nicht zu dunkel, das Sprühende nicht so ausufernd.

kammerorchester1Dann die Uraufführung des Abends: „Eulen“ von Matthias Kaul (*1949). Die Auftragskomposition des Winseners muss man nicht lieben, ist sie doch eher Geräusch, bestenfalls Klang, als Musik. Das Zusammenspiel von Streichern und Percussionisten (kongenial die Mannen des „Frantic Percussion Ensembles), die mit Stöcken, Löffelchen, Bögen und Stimmgabeln auf liegenden Streichinstrumenten ihren Part absolvierten, war allerdings perfekt zusammengehalten. Interessant und gewollt: Die Klang-Einsätze folgten einer 180-Grad-Drehung, weil nämlich alle Eulenvögel ihren Kopf so flexibel zu bewegen in der Lage sind. Das so entstehende Quietschen, Rufen, Kreischen, Vibrieren schwebte durch das Kirchenschiff, mag so das auch unheimliche Gleiten der Nachtvögel akustisch imaginiert haben. Das Publikum befand in der Pause dann aber doch: Wohl mehr Katzen als Eulen.

Für einen faszinierenden Abschluss des Konzerts stand der Uelzener David Gutfleisch an der Marimba bereit. Mit dem Konzert Nr. 1 des Brasilianers Ney Rosauro (*1941) beantwortete er die Frage, wie einer in zwei Händen vier Schlägel so handhaben kann, dass der Zuhörer das Atmen vergisst, zwar nicht – er beherrschte es einfach. Die vier kurzen Sätze des Konzerts (Begrüßung – Klage – Tanz – Abschied) waren ein auftrumpfendes Hüpfen genauso wie punktierte Schwermütigkeit, Pianissimo-Kunst des Spielers und perlende Brillanz. Wie macht er das bloß mit den Trillern?

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Begeisterter Beifall am Schluss der zwei Konzertstunden, die weder akademisch blass noch auf naive Spielfreude beschränkt waren, sondern ein navigationsfähiges Orchester präsentierten und Solisten, die mit ihrem vitalen Spiel wohl alle Erwartungen erfüllten. Aber es bleibt ja vergebliches Mühen, die Stimmung eines Konzerts in ein  rezensorisches Fazit einsperren zu wollen.
Barbara Kaiser – 27. April 2015

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