Neu beschwingt

Neun BBK-Mitglieder starten nach der Krise zu erster Ausstellung

„Es ist eine ausgesprochen improvisierte Angelegenheit, weil wir bis zum Schluss dachten, es findet nicht statt“, erklärt Petra Vollmer, die neue 1. Vorsitzende des Bundes Bildender Künstler Uelzen, die Ausstellung in der Galerie Oldenstadt. „Aber“, so Vollmer weiter, „dann hat sich Ende Juni, als wir uns das erste Mal wieder trafen, eine Eigendynamik entwickelt, und jeder hat sich gefreut, sich wieder zeigen zu können.“ Und deshalb wird es auch in diesem Jahr zum Abhaken, in diesem Corona-Lockdown-Jahr 2020, eine begleitende Ausstellung zur Internationalen Sommerakademie geben. Es ist das elfte Musikseminar, die Malerinnen und Maler des BBK sind meines Wissens seit 2013 dabei, also bereits seit acht Jahren.

6 von 9 Ausstellern

Einen Titel hat man vorsichtshalber nicht ausgegeben – siehe Improvisation. Aber schon das ist ja ein Begriff aus der Musik, passt also. Und schaut man sich die Arbeiten der neun Teilnehmenden genauer an, so findet sich bei jedem – bei wirklich jedem – ein Bezug zur Musik, zum Musik machen oder hören.

Vermisst habe ich die wunderbare Skulptur „Scherzo“ von Waldemar Nottbohm, der sich wahrscheinlich mit der Vorbereitung seines 90. Jubelfestes beschäftigt und nicht mit Ausstellungsobjekten. Einige haben in ihren Archiven gekramt und nichts Neues hervorgebracht, aber das ist legitim. Die Coronakrise hat zwar auch Kreativität befördert, kann aber auch ganz schön niederdrücken….

Es ist eine schöne Ausstellung geworden. Richtig große Aufreger sind nicht dabei, aber müssen wir nicht alle wieder ins Gleichgewicht zurückfinden? Am Ende ist jedem Bild etwas abzugewinnen, der jeweilige Künstler ist erkennbar, und das ist bei Uelzens BBK-Gruppe immer das Erfreulichste. Hier ein kurzer (unvollständiger) Rundgang:

Ulrike Bals hat neben drei Blättern ihrer Graphic Novels „Wurmloch“, durch das eine für den Betrachter anonyme Besucherin reist, eine Arbeit „Illustrierte Stadtgeschichte“ mitgebracht.

Das „Wurmloch“ hat bereits vergangenen Sommer die Besucher der „Kulturstation“ in Bad Bevensen amüsiert, zeigt es doch dem selbstverliebten 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, was der Rest der Welt von ihm hält. Nach der Begegnung mit der Reisenden jedenfalls tritt er zurück und legt überhaupt alle Ämter nieder. Die das geschafft hat, erhält von ihrem Chef, mit dem sie in Funkkontakt war, den nächsten Auftrag: Brasilien. Ungarn und Polen kommen wahrscheinlich als nächstes.

Die Vorstellung war einfach zu schön, deshalb ist hier noch einmal ausführlicher darauf eingegangen. Denn die Physiognomien, die Ulrike Bals für diesen US-Macho fand, waren umwerfend. Zwischen blasiert, arrogant und zerrüttet ist alles dabei. So viel Selbstherrlichkeit, absolut frei von Selbstzweifel – zeichnerisch auf dem Punkt gebracht und trefflich charakterisierend. Als Musik dazu, zum Rücktritt dieses „Politikers“, fiele mir nur Händels „Halleluja“ ein! In der „Illustrierten Stadtgeschichte“, die Ulrike Bals für die 1960er Jahre zeigt, geht es dann wirklich um Musik: Ein Jazzband spielt, laut und fröhlich das Lebensgefühl des „Wirtschaftswunders“ der alten Bundesrepublik artikulierend. Stilistisch bleibt die Künstlerin sich treu.

Petra Merz / Tranquillité

Petra Merz` Arbeit heißt „tranquillité“ (Ruhe). Sind es Fliegenfischer, die da an einem nicht näher erkennbaren Rand sitzen auf diesem schwarz-weißen Blatt? Es könnte aber auch die Kontur eines Gesichts sein. Die Diplomgrafikerin versteht ihre Bilder ja stets als „Schaffen einer Fantasiewelt“, eine „Art Traumlogik“ oder als „visuelle Gedichte“. Man kann die Stille, das äußerste Pianissimo, geradezu fühlen. Und vielleicht Smetanas „Moldau“ plätschern hören.

Simoa Staehr / Flora- und Faunaklänge

Simona Staehr nannte ihr Bild „Flora- und Faunaklänge“. Ihr Markenzeichen, oft ein schöner Frauenkopf, diesmal zwischen blühenden Wiesenblumen. Nun ist es ja in Zeiten des Insektensterbens nicht so einfach, das Summen und Zirpen und Schwirren, das Krabbeln und Zappeln einer großen, duftenden Wiese (der Kindheit) zu imaginieren – angesichts dieses Bildes sollte es aber gelingen.

Katja Schaefer-Andrae / Schnake

Eine weniger erfreuliche akustische Begleitmusik setzte Katja Schaefer-Andrae in Szene: Eine Schnake. Das lästige Stechinsekt in voller Schönheit. Die Malerin hat in den letzten Jahren die Akribie und Detailliebe kultiviert und perfektioniert, nennt einige ihrer Arbeiten auch „nach Maria Sibilla Merian“, der Naturforscherin aus der berühmten Merian-Familie. Ihr „Hirtentäschel“ bringt ein wenig Botanikwissen in Erinnerung. Auf der Suche danach wäre der Ausstellungsbesucher wieder auf der Sommerwiese von Simona Staehr.

Georg Lipinsky / Sommerlicher Umzug

Georg Lipinsky steuert drei Collagen „Sommerlicher Umzug“ bei. Das sind fröhliche Aufmärsche, wo man das Tschingdarassasa zu hören glaubt. Auf jeden Fall Marschmusik muss es hierzu sein, allerdings nichts Brachial-deutsches, eher Wiener Charme und Eleganz. Die Arbeiten sind zauberhaft bunt und eine Entdeckungsreise wert.

Rena Meyer / Louis

Ab 16. Juli 2020, dem Beginn der Sommerakademie, ist die Ausstellung geöffnet (bis 26. Juli). Immer zu dem Konzerten am Abend. Oder man lässt sich, wenn die Tür zur Galerie geschlossen ist, bei Birgit Alpers-Meyer, der Organisationshauptverantwortlichen der Sommerakademie auf dem Oldenstädter Areal am Langhaus, den Schlüssel geben.

Es klingt und swingt vor den Bildern. Man muss sich gar nicht anstrengen dafür.

Barbara Kaiser – 14. Juli 2020

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