Musikalische Schnur voller Visionen

Hinrich Alpers lud sich zum Ravel-Winter das „vision string quartet“ ins Schloss

Es war ein reiner Männerabend: Ravel, Debussy, Franck, dazu Hinrich Alpers (Klavier), Jakob Encke, Daniel Stoll (Violinen), Sander Stuart (Viola) und Leonard Disselhorst (Violoncello). - Über Alpers muss man hier nicht mehr schwärmen, das hieße die bewussten Nachtvögel auf die Akropolis schaffen. Nur Beständiges gäbe es zu sagen über seine Interpretationskunst, seinen fragilen Anschlag und die deliziöse Auswahl der Programme.

Wenn er sich Gäste einlädt, darf man getrost alles Beglückende, das man in den Solokonzerten erlebt, von denen auch erwarten. Und deshalb galt für das „vision string quartet“: Hier wurde mit viel Feinsinn und Flair, genau artikuliert, gestisch prall, temperamentvoll und vital musiziert.
Das Quartett, das es erst seit fünf Jahren gibt und das sich dennoch zahlreiche renommierte Preise erspielte, nennt sich seltsamerweise übersetzt „Visionsschnur“ – wie die vier jungen Musiker im Vereine mit Hinrich Alpers ihre musikalischen Vorstellungen realisierten, das brachte ihnen am Ende frenetischen Beifall ein, erwies sich als kostbares Perlenband.

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Fotos: Barbara Kaiser

Als Entree erklang die Sonate für Violine und Klavier von Maurice Ravel, das letzte Kammermusikwerk des Komponisten, entstanden 1923/27. In drei Sätzen werden hier Zwei vereint, die eigentlich unvereinbar sind: Das Schlaginstrument Klavier und die Streicherin Violine. Ravel ließ deshalb die beiden nicht gemeinsam schwelgen, sondern unterstreichen, was sie klanglich unterscheidet. Das Stück ist auch ein großer Spaß, denn als Zuhörer fragt man sich: wem höre ich nun zu?

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Sander Stuart, Viola

Allegretto, Moderato (Blues) und Allegro (Perpetuum mobile) heißen die Sätze, in denen das Klavier tropfte, schwermütig den Blues hatte, hinreißende synkopische Dissonanzen produzierte oder einen transparenten, mehrstimmigen Satz vorstellte, dessen Höhepunkt ein Fugato war. Dazu die Violine, der Jakob Encke den zärtlichsten Strich gab und einen superlangen hohen Fine-Ton im Pianissimo zu halten vermochte, dass der Atem auch beim Zuhörer stehenzubleiben schien. Zwischen Legato und Pizzicato lachte und seufzte das Instrument. Man dachte an Gershwin – womit man Ravel Unrecht tat, oder an den „Hummelflug“ von Rimskij-Korsakow…

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Jakob Encke und Daniel Stoll, Violine

Danach das Streichquartett g-moll op. 10 von Claude Debussy, der hier gar nicht der glitzernde Impressionist ist. Sichtbar fröhlich absolvierten Encke, Stoll, Stuart und Disselhorst die vier Sätze, die auf Französisch eine Spielweise zwischen „animé“, „rhytmé“, „espressif“ und „très moderéré“  - beseelt und sehr entschieden, flott mit Rhythmus, Andantino, sanft expressiv und sehr moderat – forderten.
Die vier Instrumentalisten mussten sich ihrer sehr sicher sein, denn sie spielten ohne Notenpult, was in der Kammermusik eher unüblich bleibt Was für ein Feuerwerk sie ausbreiteten! Klarheit und das beständige Umspielen eines Gedankens, das Verknüpfen von Harmonie und Dissonanz. Dem Uraufführungspublikum missfiel das Ganze im Jahr 1893 – die Zuhörer im ausverkauften Holdenstedter Schloss waren hingerissen von so viel charismatischer Wirkung und sorgsamer Einstudierung. Von der pompösen Klanggestik und der auf Zügigkeit und Klarheit setzenden Interpretation.

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Leonard Disselhorst, Cello

Nach der Pause dann wieder im Bunde mit Hinrich Alpers das Klavierquintett f-moll von César Franck aus den Jahren 1878/79. Farbig und abwechslungsreich warfen sich die fünf Spieler das Thema, ein dunkles, melancholisches, wunderbares Ziehen am Herzen, zu. Über eine Kongruenz im Zusammenspiel musste man hier nicht sinnieren, die war ideal und virtuos. Das Quintett imaginierte Orchester-Drive, mal drohend, mal üppig wuchernd, mal ausgelassen. Die Streicher und der Pianist gaben die Partitur zwischen kühler Moderne und exzessiver Emotionalität mit der Kraft eines Plans für diese langen 40 Minuten zwischen moderato, allegro und con fuoco. Dabei blieben sie zauberhaft locker in all dieser vibrierenden Spannung, die sie aufzubauen in der Lage waren. Ein Switchen vom feurigen Fortissimo in zarte Piano-Töne stellte nicht das geringste Problem dar. Von breit-pastos zu fein-ziseliert, bestechend mit der den Noten immanenten Dramatik.

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Ein exzellenter Kammermusikabend ging zu Ende mit tobendem Beifall und Bravorufe, für die es zahllose gute Gründe gab. Da konnte man auch mal auf eine Frauenquote verzichten!
Barbara Kaiser – 12. März 2017

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