Musik in neuem Licht

Akkordeon und Gitarre - Abendmusik in St. Georg in Hanstedt I

Dass die beiden so unterschiedlichen Instrumente auf dem Fine-Ton gemeinsam enden, muss man Kunstfertigkeit nennen, denn die Es-Dur-Fuge von Wolfgang Amadeus Mozart (Sechs Fugen mit Einleitungssatz, KV 404a) ist hochkomplexes Gefüge, das schnell zum Brei verkommen kann oder die Musizierenden sich hoffnungslos verirren lässt. Die beiden jungen Instrumentalisten in der Hanstedter Kirche sind jedoch in ausgezeichneter Form.

„Ex oriente lux“ – aus dem Osten (kommt) das Licht – sagt man, meinte zunächst den Sonnenaufgang allgemein, später das Christentum, das Erleuchtung bringen sollte. Im Falle der gut besuchten 20. St.-Georg-Abendmusik kam das neue Licht – „Lux nova“ – aus dem Westen, genauer aus Barcelona. Dort nämlich lernten sich vor vier Jahren Lydia Schmidl und Jorge Paz Verastegui kennen.

Sie: studierte Akkordeon zunächst in Weimar an der Hochschule „Franz Liszt“, danach in der spanischen Metropole, der Hauptstadt Kataloniens; im Jahr 2015 erwarb sie den Master in ihrem Fach an der Hochschule für Künste Bremen.
Er: machte seinen Abschluss als Konzertgitarrist in Lima (2006) und studierte ebenfalls in Barcelona weiter; der Masterabschluss an der Musikhochschule Hamburg datiert aus dem Jahr 2015. Zusammen sind Schmidl und Verastegui das „Lux Nova Duo“.

hanstedt-abendmusik-jorge-paz_bearb

Fotos: Barbara Kaiser

Der Name verspricht, Musik aus einer anderen Perspektive, bei ungewöhnlichem ungewohntem Lichte, kennenzulernen. Denn, so moderierte Lydia Schmidl den Abend an, sie suchten sich „Stücke, die uns gefallen, am Herzen liegen“ und bearbeiten diese für die Paarung Akkordeon und Gitarre. Es wird sich erweisen, dass so manche Note, die zunächst für Streicher oder Klavier entstand, in diesem „neuen Licht“ zu funkeln vermag.

hanstedt-abendmusik-lydia-schmidl_bearbDie Hanstedter Abendmusiken in der St. Georg-Kirchengemeinde gibt es seit 2008. In acht Jahren sind 20 Konzerte nicht viel, aber „es sollten Perlen bleiben“, erklärte das Pastor Wolfhard Knigge in seiner Begrüßung. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Hochschule (ein Extradank gebührt dafür dem Ehepaar Christine und Professor Hans-Helmut Decker-Voigt) stellten sich die unterschiedlichsten jungen Künstler vor. Nun also das runde Jubiläum, das Beachtung verdient.

hanstedt-pastor-wolfhard-knigge_bearb

Pastor Wolfhard Knigge

Das Duo nannte sein Programm „Auf den Spuren von Johann Sebastian Bach“ und eröffnete die fast 90 Minuten mit dem Praeludium aus der Englischen Suite III g-moll, BWV 808. Es würden Partituren folgen, in denen sich die Komponisten Robert Schumann (Chaconne aus der Partita d-moll von Bach), Dmitrij Schostakowitsch (Prelude and Fugue Nr. 1 D-Dur op. 87), Wolfgang Amadeus Mozart (Sechs Fugen KV 404a), Heitor Villalobos (Bachariana brasiliera Nr. 1 W 246) und Astor Piazolla (Fuga y Misterio) stets auf den barocken Meister bezogen.

hanstedt-abendmusik-lux-nova-duo-und-publikum_bearbLydia Schmidl bevorzugte am Akkordeon eine Registrierung, die bei Bach in der Ferne das Cembalo erahnen ließ und bei Schostakowitsch russisch-seelenvoll am Herzen zog. Die bei Schumann im Moll-Bass brummte, während die Gitarre - für die Hoffnung zuständig – virtuose Läufe ablieferte und bei Piazolla und Villalobos die Schwüle des Tango unterstrich.

Es war ein insgesamt zurückhaltender Abend, was an der Programmgestaltung lag. Vielleicht sollten sich die zwei Akteure auch Soli gönnen. Denn der Eindruck, dass das Akkordeon schaumgebremst blieb und der Gitarre eine minimale Verstärkung wohl angestanden hätte, hielt sich bis zum Schluss. Bei einem Presto bestand sofort die Gefahr, dass das Tasteninstrument die Saiten übertönen würde, vereinnahmt, degradiert. Das ist sehr schade, denn beide Instrumentalisten sind Meister ihres Fachs (obgleich es ein paar Holperer im Zusammenspiel gab).
Das Akkordeon muss sich nicht in bescheidener Seriosität geben, nur weil das Instrument an deutschen Hochschulen lange Zeit im Schatten von Klavier und Co. stand. Warum kein rassiger Tango im Programm oder ein Musettewalzer voller Ausgelassenheit? Und die Gitarre hätte man gerne auch pur, mit einer spanischen Canzone etwa, gehört. Aber das Duo blieb konsequent Duett.

hanstedt-abendmusik-lux-nova-duo1_bearbEin dennoch ungewöhnlicher Abend trotzdem. Musik, die man drehen und wenden konnte – sie funkelte von allen Seiten. In der neuen Instrumentierung genauso wie in der einst ursprünglichen, die Cembalo, Violine, Violoncello oder Klavier hießen.
Lydia Schmidl und Jorge Paz Verastegui wählten sogar für die Zugabe einen langsamen Titel, einen von den „Beatles“. Warum nicht „Yellow Submarine“? Mehr Mut zur Ausgelassenheit, möchte man den jungen  Leuten als Rat geben und - dass sie an ihrer Moderation noch ein wenig arbeiten!
Barbara Kaiser – 11. September 2016

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben