Mit wunderbarem Erschütterungspotential

St.-Marien-Kantorei mit Johannes Brahms` Requiem im traditionellen Novemberkonzert

Wenn solche Worte wie „Wahnsinn!“ oder Wow!“ jemals zum Wortschatz einer Rezension an dieser Stelle gehören dürfen sollten, dann müsste man jetzt damit anfangen: Nach dem Konzert der St.-Marien-Kantorei, die Johannes Brahms` „Ein Deutsches Requiem“ in  der ausverkauften Kirche vor die Ohren der begeisterten wie berührten Zuhörer stellte.

Unter der Stabführung von Erik Matz, einem kongenialen Spiel der „Hamburger Camerata“ und mit den Solisten Cathrin Lange (Sopran) und Stefan Adam (Bariton) sang der Chor ein Programm, dem das Prädikat „Wurf“ getrost verliehen werden darf. -
Immer im dunklen, grauen November, wenn die zwei aufeinanderfolgenden Trauersonntage das Kirchenjahr an sein Ende geleiten, ehe das neue am ersten Advent mit Lichterglanz beginnt, erklingt in der Hauptkirche Uelzens die passend angemessene Musik. In diesem Jahr also „Ein deutsches Requiem“.

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Nach Worten der Heiligen Schrift in der Zeit zwischen 1861 und 1868 komponiert, wurde das Werk angeregt durch den Zusammenbruch und Tod des Freundes Robert Schumann und das Sterben von Brahms Mutter. Es mag Spekulation sein, dass den Komponisten vielleicht auch die Toten der 1848er Revolution zu diesem Werk angeregt haben könnten, denn Brahms hätte den Titel gern als „Der Menschen Requiem“ gehabt.

Kurz vor seinem Tode sagte er seinem Biografen, dass er weder damals, als er das Requiem schrieb, „noch jetzt an die Unsterblichkeit der Seele“ glaube. Aber ehe man versucht ist, den Komponisten einen Heiden oder gar Herätiker aus der Sicht christlicher Lehrmeinungen zu nennen, darf man nicht vergessen, dass auch Brahms den ewigen Fragen der Menschheit an das Sein, den Lebens-und Todesängsten nachspürte und Antworten zu finden versuchte. Aus welcher  Ideen- oder Glaubensrichtung auch immer.

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Und genau das macht die Wirkung der Partitur über die Zeit hinaus aus. Deren menschliche Zerrissenheit und weil es immer Anliegen bleibt, Leidende zu trösten. Brahms Werk ist Verkündigung der einen Wahrheit, dass der Einzelne sterben mag (mit oder ohne Unsterblichkeit der Seele), dass seine Taten und sein Werk aber weiterleben werden. So hat er es bei Schumann empfunden, so gilt es allgemein für uns alle.

Die Aufführung in St. Marien war eine beherzte, hochmotivierte Leistung. Vielleicht sah der Zuschauer den Sängerinnen und Sängern der Kantorei noch nie so deutlich an, wie sehr sie gewillt waren, diesen Auftritt zu einem Triumph zu machen. Eigentlich sollte man ja aufhören verstehen zu wollen, was der Komponist uns sagen will – bei Brahms` Requiem ist das anders. Hier versteht man. Das Konzert besaß in seinen 90 Minuten (eröffnet wurde mit Robert Schumanns „Nachtlied“)  keinen einzigen Moment der Beliebigkeit. Stimmstark und ausdrucksvoll: „Selig sind, die da Leid tragen,/ denn sie sollen getröstet werden.“ Glockenklar der Text, der Chor allein schon mit einem Timbre, das anrührte.

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Der Trauermarsch „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras…“ besitzt Erschütterungspotential, das sich in der Wiederholung im Forte-Crescendo zu einem Breitwandepos der Musik steigerte! Da war es wieder, dieses emotional mitteilsame Singen voller kultivierter Durchschlagskraft, zu dem die Kantorei in ihren besten Zeiten immer fähig war und ist. Zwischen den ergreifendsten Todesklagen (Teil 2), dem Aufschrei in hohem „a“ der Soprane „…wes soll ich mich trösten?“ (Teil 3), der glaubensgewissen frohen Stimmung (Teil 4) und der triumphalen Siegesgewissheit „Tod, wo ist dein Stachel?/ Hölle, wo ist dein Sieg?“ (Teil 6) mischen die Solisten, Instrumentalisten und Chorsänger die musikalische Essenz aus Zagen, Sehnsucht, Standhaftigkeit und Gewissheit – eine Interpretation, die in St. Marien mitriss.

Das Forte – ein rauschhaftes Aufblühen. Das Piano – eine leidenschaftliche Kultur des Leisen. Liebevoll, ausdauernd, innig-inständig im fragenden Verharren;  dynamisch präzise im  Auftrumpfen. Kantor Erik Matz ließ an keiner Stelle Unpräzises zu, er schuf eine Zartheit, die unantastbar war, sodass der Abend eine fragile Menschlichkeit gewann. Die Kantorei, deklamatorisch korrekt und mit weichen Tonansätzen, unterstützt von einem Orchester ebenfalls in Bestform, schenkte ihrem Publikum ein Erlebnis, das so tröstend wie atemberaubend war.
17. November – Barbara Kaiser

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