Mit Sinn für die eigene Pointe

Karim Said eröffnete die Sommerkonzerte im Kloster Medingen

Er war ein Preisträger der 5. Internationalen Sommerakademie 2014, der in Jordanien geborenen Pianist Karim Said. Mit dem vom Kulturverein Bad Bevensen gestifteten Konzert eröffnete der 26-Jährige die Saison in der Klosterkirche Medingen.

Bereits mit dem ersten Ton, den perlenden Läufen und einem außerordentlich kultivierten Anschlag, machte der Solist klar, dass sein Spiel die Zuhörer bereichern würde, so sie mehr von Musik erwarten als den Reflex des Wiedererkennens.
Den Anfang machte Said mit dem Impromptu Nr. 4 op. 90 von Franz Schubert, dem bekanntesten der vier Nummern dieser Opuszahl. Die Arpeggien (einzelne, nacheinander erklingende Töne eines Akkordes) in der rechten Hand, die emphatische Melodie in der linken und das wunderbar lyrische Moll gab der junge Künstler ohne aufgeblähtes Pathos, jedoch reich nuanciert. Man merkt auf – obwohl man doch lange zu wissen glaubt!
Karim Said bot eine lichte, klare Version der Noten. Das ist nicht der Schubert der romantischen Todessehnsucht, sondern eher ein Hoffender.

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Fotos: Barbara Kaiser

Danach die 15 Variationen über ein Originalthema in Es-Dur op. 35 von Ludwig van Beethoven. Der Komponist hat dieses Thema aus seinen „Geschöpfen des Prometheus“ und wohl auch die Tonart (neben dem c-moll) besonders gemocht. Er verwendete es wieder in der „Eroica“, der dritten Sinfonie. Sein vielleicht schönstes Klavierkonzert, die Nr. 5, steht ebenfalls in Es-Dur.
Immer ein bisschen übermütig; schräg vielleicht gar auch, kommt die großartige Ausführung daher. Das muntere Hauptmotiv wird von Beethoven durch die Tempi, Tonarten und Phrasierungen gejagt, mit Staccato-Akkorden geschmückt, in einem zweistimmigen Kanon ausgebreitet, mit einem Sechsachtel-Largo schwelgend vertieft. Ehe das „Finale alla Fuga“ über die Zuhörer hereinbricht, war da durchsichtig Schwebendes zu hören genauso wie brachiales Fröhlichkeitsgedonner.

karim-said1Karim Said spielte mit einer herzentfesselten Unbedingtheit; brachte problemlos exzentrischen Affekt und technische Stringenz miteinander in Einklang. Derb, aber nie unzart. Er ließ den Zuhörer um die große Verbeugung des Komponisten vor Bach – mit der Fuge, die ganz kurz an die a-moll (BWV 543) gemahnt – wissen, zeigt sich aber bis zum Schluss sicher, dass er Beethoven spielt und nicht Bach! Es war ein wunderbares Stück Musikliteratur unter den Händen eines wissenden Spielers.

Nach der Pause das mutige Experiment: Suite für Klavier op. 25 von Arnold Schönberg. Man muss diese Noten mit Geduld hören, mit vorurteilsfreier Anstrengung. Weil es doch vieles jenseits des eigenen kleinen Musikhorizonts gibt, der allzu oft nur auf Harmonie setzt. So kamen Präludium – Gavotte – Musette – Intermezzo – Menuett und Gigue zwar völlig unerwartet und vielleicht auch unerkennbar daher, umso mehr muss man den Hut ziehen vor einem Musiker mit arabischen Wurzeln, der sich dieser Partitur annahm.

karim-said2Danach Thema und Variationen in d-moll op. 18a von Johannes Brahms. Dieses düstere Andante des Streichsextetts op. 18. Said fand hörbar einen Sinn für die eigene Pointe und bewies Pianokunst dergestalt, dass das Publikum am Ende nicht wagte, die Stimmung durch seinen Applaus zu zerstören. Das besitzt fast Alleinstellungsmerkmal!

Am Ende Sonatensatz - Rondo von Anton Webern aus dem Jahr 1906. Ein Rondo ist immer auch eine Art Renommierstück. Webern schrieb die Noten unter dem Eindruck von Schönberg an der Grenze zur Atonalität.
Nach dem lang anhaltenden Beifall seines beeindruckten Publikums, erfrischte der Gast die Zuhörer zum Abschied mit Mendelssohn-Bartholdys Rondo-Capriccioso op. 14, dieser Partitur aus südlich kantablem Schmelz und pathetischer Deklamation. Sein heiterer Charakter war so recht gemacht für das letzte Abschiedswinken, dem Largo von Händel, mit dem alle in den Abend entlassen wurden.

„Es weiß doch jeder, dass man über Musik in Worten nichts Vernünftiges sagen kann“, behauptete Sir Simon Rattle. Der Dirigent hat wohl Recht – man müsste sie gehört haben, um davon zu schwärmen.
Barbara Kaiser – 10. Mai 2015

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