Mit Schwung und Delikatesse

Beeindruckendes erstes Kammermusikkonzert der Internationalen Sommerakademie

Was für ein Furor! Musik in imponierender Einheit und inspiriertem Tempo dargeboten. Noten einer Komponistin, die zu ihrer Zeit die erste Klavierprofessorin am Pariser Konservatorium war: Louise Farrenc, Zeitgenossin von Beethoven, Schumann, Liszt, Mendelssohn. „Wer Chopin mag, wird Farrenc lieben“, titelte der MDR im Frühjahr ein Feature, und dankenswerter Weise hat die Universität Oldenburg mit Geldern der DFG die Partituren dieser Frau dem Vergessen entrissen, indem sie eine Werkausgabe edierte. Ihr Klavierquintett Nr. 2 E-Dur op. 31, zupackende, energische Töne einer selbstbewussten Frau aus dem Jahr 1840, war ein sensationeller Abschluss des ersten Kammermusikkonzerts der Sommerakademie 2020.

Entsprechend wurde dieser auch bejubelt vom zahlenmäßig zwar kleineren, aber freudig-erwartungsvollen Publikum. „Wir dürfen endlich wieder spielen“, bekannte Hinrich Alpers, der künstlerische Leiter der Sommerakademie, als er die Zuhörer, die doch auch ein bisschen Mut aufgebracht hätten um zu kommen, begrüßte.

Der Abend schritt chronologisch voran: Trio, Quartett, Quintett; und es war ein Abend der zweiten Sätze. Im Klaviertrio G-Dur KV 564, das den Auftakt bildete, war es ein Andante, ein Thema mit Variationen, das zum Dahinschmelzen erklang.

Deborrah Burri (Violine), Suyeon Yu (Violoncello) und Chong Wang (Klavier) begannen mit dem Allegro fidel und beherzt, mit kleinen Unsicherheiten der Geige, das Klavier vielleicht ein wenig kühl. Aber spätestens bei der 3. Variation des zweiten Satzes war alles im Lot und bei Variation 5, der in Moll, agierten die drei Musikerinnen hochkonzentriert und mit gestaltender Kraft. Die Intensität nahm zu und mündete im frohgemuten Satz drei, dem Allegretto.

Es folgte das Klavierquartett Es-Dur op. 16 von Ludwig van Beethoven. Der Komponist schrieb es mit 16 Jahren und bewies bereits sein Genie. Sollte man eine „Schwäche“ benennen dann die, dass alle Instrumente immer im Einsatz sind.

Irem Bağarski

David Moosmann und Irem Bağarski teilten sich den Violinenpart, wobei die türkische Künstlerin mit dem Cantabile des zweiten Satzes restlos zu überzeugen wusste. Ana Peréz Pousada strich die Viola, Annie Zhang das Violoncello. Am Flügel saß Hinrich Alpers. Weil das Dozentenkonzert in diesem Jahr ausgefallen war, bewährten sich die Lehrer in den Formationen mit den Studenten.

Hinrich Alpers, Ana Peréz Pousada und Annie Zhang

Am Reichtum des Klangs dieser Interpretation waren alle beteiligt, es wurde ein intimes, synchronisiertes Zusammenspiel. Angstfrei, kompromisslos und sensibel, nicht nur eine Wohlfühlvariante. Die Streicher zwischen brachial und zärtlich, das Klavier souverän. Eine dramatische, atmosphärische und präzise Darbietung, die an Leidenschaft nicht sparte.

Anastasia Magamedova

Und dann das oben erwähnte Klavierquintett von Louise Farrenc! Ein Allegro grazioso, das verzückt tänzeln konnte genauso wie Sprünge voller Kraft vollführen. Das Grave von Satz zwei hingebungsvoll. Stefan Hempel (Dozent-Violine), Yongbeom Kim (Viola), Johannes Gray (Violoncello), Chinatsu Mine und Hans Greve (alternierend am Kontrabass) und Anastasia Magamedova (Klavier) boten ein transparentes Parlando in inspiriertem Tempo und einer imponierenden Einheit. Der wunderbare Strich des Violoncello ließ aufhorchen, die Umsicht und Akkuratesse der Pianistin waren faszinierend.

Johannes Gray

Summe: Ein überzeugender erster Konzertabend, an dem nichts passierte, das steif, unelegant oder zu konventionell gewesen wäre. Diese Mischung aus Sinnlichkeit und Konzept, deren Spannung auch gekonnt mit Lässigkeit spielte, war reine Freude.

Am Donnerstag, 23. Juli 2020 steht um 18 Uhr das zweite Kammermusikkonzert auf dem Programm.

Barbara Kaiser – 21. Juli 2020

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