Mit Hang zur Melancholie

Die Leipziger Vokalromantiker sangen in der Dreikönigskirche Bad Bevensen

Sie waren bei ihrem Auftritt in der Dreikönigskirche ein Septett der vorwiegend leisen, bedenkenden und melancholischen Töne. Vielleicht machte das Publikum deshalb seinen Liebling eindeutig jenseits des Vokalen aus: Christina Engelke an der Harfe passte eben (vermeintlich) besser in diesen lauen Sommerabend. Ihre männlichen Mitstreiter, die Leipziger Vokalromantiker, bewiesen erst mit der Zugabe, einem Gospelsong, dass sie durchaus auch anders - temperamentvoller und stimmgewaltiger - können.

Das sagt hier aber natürlich nichts über die sängerische Qualität der Gäste aus Sachsen. Die war, obwohl sie dem Vergleich mit original russischen Gregorianik-Sängern nicht immer standhielt, von hohem Niveau. Auch wenn die schwarze Tiefe im Bass und die Strahlkraft im Tenor nicht immer gegeben waren.

So besaßen die Noten in der Interpretation ohne jeden Zweifel die Ausgewogenheit, an der man A-capella-Gesang misst, erklangen sie aber oft im Duktus von ergebener „Erbauungsliteratur“, wo man sich mehr Kraft und Entschlossenheit gewünscht hätte. Stimmlich souverän – ohne Frage, im Piano unangefochten und sicher, aber ein bisschen mehr Lebensfreude hätte dem Ganzen genauso gut getan.

vokalromantiker

Fotos: Barbara Kaiser

Textverständlich mit biegsamem Wohlklang ertönten drei gregorianische Gesänge und ein „Pater noster“ von Igor Strawinsky (1882 bis 1971). Ganz erstaunlich, dass die Jahrhunderte dazwischen nicht hörbar waren, dass der russisch-französisch-amerikanische Komponist und bedeutende Vertreter der Neuen Musik sich ohne Bruch einfügte in die liturgischen Gesänge der frühchristlichen Kirche von vor über 1000 Jahren.

Geistliche Lieder von Felix-Mendelssohn Bartholdy kamen zur Aufführung genauso wie das „Heilig ist der Herr“ von Franz Schubert. Zudem verschrieben sich die Leipziger unbekannten Komponisten ihrer Heimatstadt, etwa Julius Rietz und Nils Wilhelm Gade (19. Jahrhundert).

vokalromantiker2Ein wenig fröhlicher wurde das Programm mit den zwei englischen und irischen Volksliedern, obwohl hier die Homogenität von Einsatz und Phrasierung manchmal schwächelte. Und das „O, wie selig wollt ich sein, Liebchen“ vertrüge schon ein Stückchen mehr Empathie und Inbrunst, womit die Textpoesie beglaubigter gewesen wäre.

Deshalb war Christina Engelke der wunderbarste Kontrapunkt, um nicht in der Depression zu versinken in diesen 75 Konzertminuten! Ihre „Romance Nr. 1“ von Elias Parish-Alvars (1809 bis 1849) stellte eine geballte Portion Liebessehnen dar, fast erwartete man den Troubadour, der mit einem schmachtenden Text einsetzt. In der „Sonata c-moll“ von Johann Ludwig Dussek kam das Allegro als ein sagenhaftes Rauschen, Perlen, Schwelgen daher, das Andantino glich einer Spieluhr-Ballerina, na, und das Rondo erst: ein lustiges, aufgezogenes Perpetuum Mobile. Atmend und beweglich, den Reichtum des Klangs vorm Zuhörer ausbreitend, so fidel wie anmutig – dafür erhielt die Harfenistin ganz langen Beifall.

vokalromantiker3Ans Ende hatten die Gäste die wohl drei bekanntesten deutschen Volkslieder gesetzt – Heinrich Heine wird es verzeihen, wenn man seine „Loreley“ darunter summiert, obwohl das seine Gründe in dunkler deutscher Geschichte hat (ein jüdischer Dichter kam für die Nazis nicht in die Lehrbücher). Dazu „Kein schöner Land in dieser Zeit“ und „Guter Mond, du gehst so stille“. Die Leipziger Vokalromantiker gingen dieses Repertoire in sehr langsamer Gangart an, ein wenig mehr an Gestaltung hätten die Noten vertragen.

Trotz des präferierten Largo dennoch keine hörbar flackernde Kraftanstrengung. Und wie gesagt, beim abschließenden Gospel waren alle frisch und frohgemut hellwach.

Barbara Kaiser – 16. Juli 2015

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