Mit einem Walzer im Ohr

Jahrmarkttheater Bostelwiebeck füllt quasi ausgefallenen Saison kreativ

Es ist kein richtiges Stück, denn es hat keine Handlung im eigentlichen Sinne. Es ist eher eine Vorlesung. Oder eine Fragestunde. Eine In-Frage-Stellen-Stunde auch. Mit ein bisschen Philosophie, mit Musik, Literatur sowieso. Und vielleicht hatten die Zuschauer am Ende trotzdem das Gefühl, Thomas Matschoß habe ihnen wieder eine Geschichte erzählt, wie es sein oberstes Credo ist.

Das Jahrmarkttheater wollte in diesem Jahr das erste Mal das eigene Gelände in Bostelwiebeck bespielen. Die Gründe dafür, dass dieses 2020 verkorkst ist und viele, viele, vor allem alle Freischaffenden an den Rand der Existenz brachte, muss hier nicht noch einmal erörtert werden.

Aber: „In eurem System sind wir relevant!“, begrüßte Matschoß die Gäste, „und das freut uns natürlich sehr.“ Der Schauspieler, Regisseur und Autor hat diese 90 Minuten, die anstelle von „Das Haus“ nun zur Aufführung kamen, schnell erdacht. Hat Texte zusammengestellt quer durch die Weltliteratur. Markus Voigt schrieb auf die Liedtexte wieder die passenden Noten. Und durch die spielten, sangen, fragten und diskutierten sich Kristina Brons, Zandile Darko, Kristin Norvilas, Charlotte Pfeifer und Ann Sinkemat. An den Gitarren sorgten Arne Imig und Benedikt Schnitzler für den Sound und die Begleitung dazu. Die Ausstattung besorgte Anja Imig, wie immer mit zauberhaften Roben.

„Das Gute“ – was ist das? Goethe ist dazu auch nichts weiter eingefallen, als er den Imperativ dichtete: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Und der „Gutmensch“ ist inzwischen in  Verruf geraten. Für manche ist „das Gute“ leere Hülle.

Zwischen all diesen Ansätzen bewegte sich die Aufführung: 75 Jahre Frieden (in Europa – wenn man Jugoslawien schon nicht mehr dazu zählt!), Rücksichtnahme, Solidarität. Oder die kleinen Dinge: Der Regen nach langer Trockenheit, „Fehler machen, aber nicht immer die gleichen“, frische Bettwäsche… „Naziaufmärsche verhindern!“ Freundschaft, Liebe, Empathie. Und Literatur. Natürlich.

So begann eine Lesestunde. Mit Herta Müller, Lars Gustafsson, Marga Nußbaum, und, und, und.  Letztere hatte gleich Prämissen aufgestellt für ein gutes Leben, nämlich „die Ermöglichung der Ausübung von Grundfähigkeiten“. Wie Lachen, Spielen, etwas Erholsames tun. Und schon waren die fünf Schauspielerinnen in ihren jeweiligen Ecken mit dem Publikum im Gespräch. Es ist davon auszugehen, dass man, hörte man an der einen Ecke zu, an den anderen nichts verpasste, obgleich ich diese Art der Dramaturgie (Andrea Hingst) schon immer gewöhnungsbedürftig fand.

Dann gab`s ein Lied auf all die Schwätzer: „Wenn gut Sein nur so einfach wär,/ dann würd ich morgen gleich was tun….“ Ein sehr bedenkenswerter Text, wie viele Ausreden wir oft genug vor uns selber finden, passiv zu bleiben. Ein Wiener Walzer über Kopfhörer imaginierte Nähe und einen fiktiven gemeinsamen Reigen in Zeiten der Distanz.

Gelernt hat das Publikum außerdem das Wort „Exnovation“. Das gibt es wirklich und bedeutet, dass man sich von Altem trennen muss, um Neuem Platz zu machen. Die Frage ist aber in der Tat, ob das Neue dann auch das Bessere ist? Gregor Gysi hatte dazu einmal sinniert, dass er in einem Alter sei, wo neue Gedanken nur ins Hirn passen, wenn man andere aussortiert – aber welche? Manche meinen, Exnovation wäre die beste Innovation. Daran habe ich selber aber entschiedene Zweifel.

Solche und ähnliche Gedanken trat die Aufführung also los, und das ist immer noch das Beste, was Theater befördern kann. Am Ende bleiben immer Fragen offen, das wusste schon Brecht. Auch wenn es noch ein Häppchen aus dem vorgesehenen Stück „Das Haus“ gab. Man befragte Anton Tschechow nach dem guten Leben. Die großen Russen, diese Philosophen und Psychologen, haben ja meist eine passende Antwort. In der Konsequenz muss aber sowieso jeder seine eigene suchen dafür, was das Gute für ihn sei. Dass man sich nicht unterkriegen lasse, von der größten Krise nicht. Man sollte aber unbedingt Meister Anton Pawlowitsch bedenken, der auch gesagt hat: „Jeder Barbarei geht Gleichgültigkeit voraus.“

Denn der letzte Satz von Thomas Matschoß (auch wenn er zitierte) war dann aber ein wenig zu optimistisch: „Wir alle leben in Frieden und Eintracht – was wollen wir mehr?“ Das wäre wenig über den Bostelwiebecker Tellerrand geschaut…

Weitere Termine dieser Aufführung: Am 07./08.,14./15. und 21./22. August, jeweils um 19.30 Uhr auf dem Areal von Bostelwiebeck.

Barbara Kaiser – 30. Juli 2020

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben