Mit einem Hauch Mythologie

Dagmar Glemme zeigt bis 31. Oktober 2015 Bilder und Glasskulpturen im Hundertwasser-Bahnhof

Flucht ist ja nicht die schlechteste Möglichkeit der Kunst. Und so kommt man sich inmitten der bunten Bilder von Dagmar Glemme, die noch bis zum 31. Oktober 2015 im Restaurant „Lässig“ und an den Wochenenden im Galerieraum des Hundertwasser-Bahnhofs zu sehen sein werden, ein bisschen außerhalb der Welt vor. Aus gegenwärtiger Welt zumal. Sie wolle das Positive sehen, nicht immer nur die Hindernisse, sagt Dagmar Glemme im Gespräch. Geht das immer? Es muss wohl, denn sonst wäre Verzweiflung die Konsequenz.

Die Arbeiten der deutsch-schwedischen Künstlerin haben Wiedererkennungspotential. Die explodierenden Farben, die Intensität und Kraft suggerieren, die Figuren, Fabelwesen und Symbole einer mythischen Welt – das alles kennt der Betrachter. Darin bewahrt sich die Malerin Unbeirrbarkeit und Eigensinn genauso wie tolldreisten Zugriff.
Entdeckerfreude lösen die Arbeiten, Öl auf Leinwand oder Holz, immer aus. Sei es, dass man sich vor dem kleinformatigen „Komposition“ aus den Notenzeilen eine Melodie zusammenzusummen versucht oder vor dem schneebedeckten Baum `aha, Winter` denkt, beim Nähertreten aber den Titel „Hoffnung“ erkennt.

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Keinesfalls erschafft Dagmar Glemme uns gesichtslose Gleichheit von Massenprodukten. Mit leichter Hand deutet sie Reales und Irreales an, obwohl es manchmal so scheint, dass sie sich in eine Ästhetik flüchtet jenseits geschichtlicher Wahrheiten - oder aktueller Nachrichten. Ihre Bilder sind eher Formen von wunderbaren Träumen und fernen Imaginationen, die mit der Welt (noch) nichts zu tun haben.

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Aber die Künstlerin hat eine aufgeschlossene und sympathische Art, ihre Kunst zwar ernst, sich selbst aber nicht so wichtig zu nehmen. So forderte sie am „Weg der Steine“, angesichts ihrer bunten Granittupfer in Uelzens Stadtbild, die Gästeführer einmal auf: „Bringen Sie Ihr eigenes Wissen, Ihre Erfahrungen und Kenntnis mit ein, wenn Sie den Besuchern von den Bildern hier sprechen. Ich werde immer ja dazu sagen und Ihnen  nicht in den Rücken fallen.“
Dieser Aufforderung kann, ja sollte man vor jeder Kunst folgen.

Zu den Bildern in der Ausstellung gesellen sich Glasarbeiten. Seit sie in Uelzen präsent ist,  hatte Dagmar Glemme Glaskunst dabei. Die folgt der skandinavischen Tradition, auf wunderbare Art klar und minimalistisch zu sein. So ist Glemmes „Kopernikus“ ein Kopf mit blauem Profil, der in die Sterne guckt und den Betrachter andächtig danebenstehen lässt. Die „Flora“ kommt natürlich in Grün daher und das „Wasser“ ist eine aufregende Skulptur, die Gischt mit des Meeres Blau zu mischen scheint.

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Neu ist eine Arbeit in der so genannten Graal-Technik. Wir denken bei „Gral“ an den der Nibelungen oder Artus mit seiner Runde. Die Herkunft des Wortes ist nicht endgültig geklärt, kommt aber übers Griechische „Gefäß“ und das Lateinische „Pokal“ zu uns. Dagmar Glemme hat in dieser auch ihr neuen Technik eine unverkennbare Plastik geschaffen.
Kreiert von Simon Gate (1883 bis 1945) in der schwedischen Glashütte Orresfors um die 1920er Jahre werden bei der Graal-Technik die Bilder vor dem Blasen auf die Glasmasse aufgebracht. Die Schwierigkeit besteht darin, dass man durch die folgende Vergrößerung keinen Einfluss auf das Ergebnis hat. Aber Dagmar Glemme nimmt das gelassen: „Man kann ja aus einem Fehlschlag etwas Neues machen!“ Und: Glas sei sowieso wie Aquarell, man müsse nah dran und auf Änderungen gefasst sein.

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Ein Bild der Künstlerin heißt „Kosmischer Spaziergang“. Es ist ein freundliches Universum. Genau wie die gesamte Ausstellung im Bahnhof. Und vielleicht fällt einem dabei der bretonische Dichter Charles le Goffic (1863 bis 1932) ein. Der war sich sicher: „Die sichtbare Welt ist … nichts weiter als ein Netz von Symbolen. Nichts ist wirklicher als das, was man nicht sieht.“
Barbara Kaiser – 29. September 2015

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