Mit der Uhr in der Hand….

Theater der Altmark Stendal eröffnete Saison in Bad Bevensen mit einem launigen Abend für Otto Reutter

Sie zankten und sie liebten sich. Die zwei auf der Bühne: Linda Lienhard und Andreas Müller. Der Pianist saß am Rande an seinem Flügel und war dennoch mittendrin – was für die Qualität seiner musikalischen Begleitung spricht.

Für den Abend, eine Hommage an Otto Reutter, hatte sich Andreas Müller in den Frack geworfen, seine Partnerin kam im Charleston- Kleid der Goldenen 20er Jahre. Es war eine muntere Revue, mit der der Kulturverein die Theatersaison 2015/16 eröffnete. Das Theater der Altmark Stendal gastierte in Bad Bevensen mit Otto Reutter; wen wundert`s, wurde der doch im Jahr 1870 in Gardelegen geboren. Allerdings als Otto Pfützenreuter. Für die weggelassene „Pfütze“ verschrieb er sich als Kleinkünstler ein weiteres „t“, auf das er Wert legte.

Leider war der Theatersaal an der Lindenstraße nicht der intime Raum, den es für solch ein Programm gebraucht hätte. Ein weiterer Grund, sehnsüchtig der Eröffnung des neuen Kurhauses zu harren.

Otto Reutter, der rundliche Wuschelkopf, dem Berlin zujubelte, von dessen Liedern sich die Hauptstädter begeistern ließen. Warum eigentlich? Weil sie treffsicher, bissig und satirisch Eigenheiten der Gattung Mensch aufs Korn nahmen, Beziehungen glossierten – was uns heute keinesfalls so vorkommt, als sei es schon 80 Jahre her – und auch nachdenklich stimmten angesichts der Geschwindigkeit des Lebens, Renommiersüchten oder politischen Ereignissen.

reutter

Fotos: Barbara Kaiser

„Wir fahr´n in die Ferien und liegen am Strand/mit der Uhr in der Hand“, heißt es bei Reutter. Mit diesem Couplet begannen die rasanten 90 Minuten der Gäste. Transferieren wir es ins Heute: „Wir fahr´n in die Ferien und liegen am Strand/ mit dem Handy in der Hand“. Otto Reutter hätte sein „Ick wunder mir über janischt mehr“ in dieser Gegenwart wahrscheinlich immerzu ausgerufen.

Linda Lienhard und Andreas Müller waren ein munteres Pärchen. Mit hinreichenden Stimmen begabt für diese Art der Musik, nur ganz sanft Headphone-verstärkt. Agierend mal putzig und drollig, mal anrührend oder aufreizend.

reutter3Der Plot mit Otto-Reutter-Liedern wurde unauffällig vervollständigt durch welche von Friedrich Hollaender, Walter Kollo oder Claire Waldoff. Immer passend zur knappen, unaufdringlichen Handlung, die nie brachial einen Bogen zu spannen suchte.

Und man darf es schon kongenial nennen, wenn Jakob Brenner am Klavier als Vorspiel zu „Warum liebt der Wladimir grade mir“ die russische Hymne intoniert! Und wie sich und uns Friedrich Hollaender die Erfindung des Stroganoff-Filets erklärt, das ist mit Andreas Müller buchenswerte Schau. Leider enthielten die Akteure den Zuschauern Hollaenders wunderbares „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ vor und besangen stattdessen des Autors „Eine kleine Sehnsucht“.

reutter1

Aber Reutters „Blusenkauf“ war natürlich dabei. „Der gewissenhafte Maurer“ dafür nicht. „Alles weg`n de Leut“ (hach, wie aktuell!) fehlte nicht, die Aufforderung an jede Dame „Nehm´Se´n Alten“ unterblieb hingegen. Oder das leise Bedenken „Bevor du sterbst“ – dafür natürlich die eher schwungvolle Ermahnung „In 50 Jahren ist alles vorbei“.

Wenn Linda Lienhard behauptet „Nach meine Beene is ja janz Berlin verrückt“ und sich dafür auf dem Flügel räkelt, dann kann man ihr genauso wenig widersprechen wie bei der Verweigerung zur Schönheitsoperation (auch damals schon ein Thema) nur „Wegen Emil seine unanständ`ge Lust“.

reutter4

Es war ein unbeschwerter Auftaktabend für eine neue Theatersaison. Am 18. Oktober 2015 um 19.30 Uhr geht es weiter und wird durchaus ernster. Mit „Restglühen“ ist das Theater für Niedersachsen zu Gast in einer Burnout-Klinik.

Barbara Kaiser - 28. September 2015

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben