Mit der Kraft der Vollendung

Hinrich Alpers holte siebtes Sonatenkonzert der Reihe „32mal Beethoven“ nach

Es war der endgültige Abschluss des phänomenalen Vorhabens des Pianisten Hinrich Alpers, alle 32 Klaviersonaten seinem Publikum vors Ohr zu stellen. Inklusive Erläuterungen vor jedem Konzert. Das Beethoven-Festwochenende erlebte im Juni des Jahres brillantes Kammermusikmusizieren und einen opulenten Auftritt mit Tripelkonzert und Chorfantasie. Ein Jahr lang mit einem Komponisten. Zwölf Monate mit Musikern, die das Herz zu rühren in der Lage waren. Diese lange Zeit mit einem Hinrich Alpers, der an acht Abenden mit den Klaviersonaten eine Musikwelt erschloss, die anderswo so kompakt und intelligent kaum zu haben sein wird. Über die technische Meisterschaft am Instrument (und aller Akteure) muss hier nicht zusätzlich geredet werden – warum eigentlich verstand die sich immer von selbst?

Jetzt ist „32mal Beethoven“ also endgültig Geschichte. Mit dem aus Krankheitsgründen verlegten Konzert aus dem April schloss Alpers die Akte Beethoven für sein treues und begeistertes Uelzener Publikum mit op. 90, op. 101 und op. 106. Mit e-moll, A-Dur und
B-Dur. Mit der „Großen Sonate für das Hammerklavier“ als fulminanten Schlusspunkt.

Der Abend oszillierte zwischen lyrischer Schlankheit, harmonischer Weiträumigkeit und einem Fugen-Finale (op. 106), das alles Frühere kompositorisch und pianistisch überbot.
Aber vielleicht der Reihe nach: Die Sonate op. 90 verzichtet auf virtuose Wirkung. Sie ist intim und persönlich. Gewidmet dem Grafen Moritz von Lichnowsky, soll sie Ausdruck von dessen Liebesbeziehung sein.
Hinrich Alpers ging die zwei Sätze – „Mit Lebhaftigkeit und durchaus mit Empfindung und Ausdruck“ und „Nicht zu geschwind und sehr singbar vorzutragen“ –  zierlich an. Er verausgabte sich weder in Tempo noch Lautstärke, blieb eher kontemplativ, nachdenklich fast. So, als überlege er, ob dieses kleine Werk wirklich nur eine zauberhafte Naivität für des Grafen Liebesroman oder nicht doch auch ein Bekenntnis zum eigenen einsamen Ich des Komponisten sein könnte. Er malt die Gegensätzlichkeit der Satznoten zwischen Elegie und Freudigkeit, zwischen Erregung und Seligkeit pikant aus.

Mit der Sonate op. 101 A-Dur begann für Beethoven eine neue Schaffensperiode in Selbststeigerung und Vollendung. Dabei werden seine Spätwerke zunehmend zu Monologen, weil die Taubheit den Meister schon lange aus der Gemeinschaft, aus jeglicher Art des Dialogs, ausschloss. In dieser Sonate wird dieser Umstand sehr nachvollziehbar.

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Fotos: Barbara Kaiser

Das „Allegro ma non troppo – etwas lebhaft und mit der innigsten Empfindung“ erklingt bei Alpers schwelgend, nie jedoch ausschweifend. Retardierend dort, wo es sich in Süße zu verlieren drohte. In Satz zwei, „Vivace alla marcia – lebhaft marschmäßig“, bringt der Solist allen Elan punktierter Rhythmen zu Gehör, um im „Adagio – langsam und sehnsuchtsvoll“, nie den Boden unter den Füßen zu verlieren. Mit dem vierten Satz „Allegro – geschwinde, doch nicht zu sehr, und mit Entschlossenheit“ macht Alpers genau diese hörbar.
Schönster dynamischer Pluralismus, vital und plastisch. Das Leise unverzärtelt, das Forte mit klirrender Wucht. Das vierstimmige Fugato am Ende in fesselnd scharfem Tempo, durchakzentuiert und durchschaubar.

Opus 101 endet im Forte um op. 106 genauso beginnen zu lassen. Dieses Fordernde ist Ausnahme in der Gattung Klavier bei Beethoven. Die „Hammerklaviersonate“ ist auch die einzige mit Metronomzahlen vom Komponisten selbst. 138 für die halbe Note gibt der vor. Pianisten hielten das durch die Zeiten für unspielbar, Hans von Bülow beispielsweise sah  eine 112 für durchaus angebracht. Aber diese Geschwindigkeitszahlen bleiben wohl immer nur Nummern zwischen Spielbarkeit, Ästhetik und Experiment und – des Zankapfels zwischen allen damit Befassten.

Er pendele sich bei 130 ein, sagte Hinrich Alpers, danach befragt. Und er gab zu bedenken, dass die 138 wohl doch der Gehörlosigkeit Beethovens geschuldet war. Bei der Fuge des vierten Satzes sei er bei 140 (Beethovens Vorgabe: 144), also nahe dran. „Aber es soll ja nicht unordentlich klingen!“
Das tat es an keiner Stelle! Die „Hammerklaviersonate“, 40 Minuten reine Spielzeit, fast eine Dreiviertelstunde voller motorischer Brillanz, Energiefülle und Lust. Alpers riskiert so viel Tempo, dass er noch artikulieren kann, phrasiert so, dass ihm die Geschwindigkeit nicht den Zusammenhang zerstört. Und vor allem: Was für das Presto gilt, ist ihm genauso im Adagio wichtig.

alpers_7Auch renommierte Pianisten verloren vor der „Hammerklaviersonate“ den Mut und die Übersicht. Manche machten sich zu besinnungslos arbeitenden Tonsklaven. Denn wenn es stimmt, was András Schiff zu dieser Partitur anmerkte, dass sie das schwierigste Werk der Klavierliteratur sei, dann stimmt allemal, was Beethoven dazu äußerte: Die Sonate werde ihre Interpreten und Zuhörer noch in 50 Jahren beschäftigen, war er überzeugt. Nun sind inzwischen  200 Jahre vergangen und die große Konzertsonate à la op. 53 oder 57 (Waldstein oder Appassionata) wurde sogar für Orchester instrumentiert und aufgeführt. Das kann nicht des Komponisten Wille gewesen sein, schrieb er doch an seinen Verleger: „Hier haben Sie eine Sonate, die den Pianisten zu schaffen machen wird!“

Wenn diese Beethoven-Noten Hinrich Alpers zu schaffen gemacht hatten, dann war es im Vortrag nicht zu hören. Der Künstler brachte die Vorlieben für ein weites Auseinander zwischen Bass und Diskant im ersten Satz „Allegro“ sicher zum Klingen. Meisterte die Leichtigkeit des Scherzo im zweiten, vergaß aber nicht, das bedrohliche Crescendo und die Forte-Schläge zu akzentuieren. Man hat den zweiten Satz auch eine Parodie auf den ersten genannt (Charles Rosen, US-amerikanischer Pianist, 1927 bis 2012). Dann die Nagelprobe: Das Adagio des dritten Satzes. Vermeintlich Allerheiligstes im Tempel Beethovenscher Kunst (Hugo Riemann, Musikhistoriker, 1849 bis 1919).

Der Grundton ist Andacht. Und trotzdem ist es kein Gesang der Resignation. Das Adagio ist kein Monolog, sondern eine leidenschaftliche Ballade. Einmal mehr beweist sich, dass das kein Forte zwingend notwendig macht. Hinrich Alpers spielt mit langsamster Gewalt, aber nicht so langsam, dass der Spannungsfaden risse. Der jedoch ist aufs äußerste festgezurrrt, lässt trotzdem ein gewisses Strömen zu, das zu übermannen in der Lage ist. Die Anschlagskultur des 34-Jährigen tut ihr übriges. Kraft und Konzentration reichen dann noch für Satz vier: Die Fuge gibt dem Werk ein Finale voller kontrapunktischer Künste. Man sollte sich von diesem Klang-Tsunami überrollen lassen und keiner Kompositionskonstruktion hinterherlauschen wollen. Alpers blieb auch hier und bis zum Schluss ein Gewährsmann in Sachen Genauigkeit und bewahrte sich den Respekt vor dem Mammutwerk.
Der Beifall brach unmittelbar los und er war langanhaltend. Ein weiteres Mal: Bravo!
Barbara Kaiser – 28. September 2015

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