Millionen Frauen lieben ihn

Karl Dall unterhielt sein Publikum im Kurparkzelt Bad Bevensen

Naja, vielleicht sind es nicht (mehr) eine Million Frauen, die ihn lieben. Schließlich kommen wir alle in die Jahre. Und nach dem Freispruch eines Schweizer Gerichts wegen vermeintlicher Vergewaltigung einer Journalistin ist der Gesang des Barden auf der Bühne eher trotzig. Vielleicht will er auch nur vorsichtig sein, denn seine Witze sind nicht mehr so brachial böse, sexistisch, frauenfeindlich und überhaupt von einer Art, wie man Karl Dall vom Fernsehen in den letzten 40 Jahren kannte. Ihn hasste oder mochte.

Auf ein treues und ihm wohlgesinntes Publikum konnte sich Karl Dall trotzdem verlassen, als er im Kurparkzelt Bad Bevensen auftrat. In Konkurrenz zu König Fußball – was mutig ist. Und einen Tag vor Trinitatis – dem wahrscheinlich tristesten aller Feiertage und Zählanfang der Sonntage im evangelischen Kirchenjahr.

karl-dall-bk

Fotos: Barbara Kaiser

Karl Dall ist mittlerweile 74 und hat eine Menge erlebt. Dass er seine Erfahrung mit seinen Zuhörern zu teilen gewillt ist, erwarten diese. Dall tut es unaufgeregt. Zeigt Filmschnipsel; zum Beispiel den mit seiner ersten Rolle als Nebendarsteller, wo die Stars Pierre Brice und Lex Barker hießen. Unscharf  zu erkennen der Mime, aber darauf muss man doch einfach stolz sein! Er erinnert an Ingo Insterburg, der sich vor vielen, vielen Jahren nicht nur durch die Mädchen der Berliner Stadtbezirke liebte und mit dem Dall gemeinsam auf der Bühne stand.
Gleich zu Beginn dürfen Harald Schmidt, Hape Kerkeling und Günter Jauch sagen, was sie über den Kollegen denken: „… ist ja seit 80 Jahren mein Vorbild!“ Oder: „Wie alt? So wie der aussieht!“ Aber das ficht Karl Dall nicht an, er war in seinen besten Zeiten selber sehr gemein.

karl-dall-bk1Und doch war er es auf eine souveräne Art und Weise. Mit krachender Komik, an die manchmal nur er glaubte und der hin und wieder sanfte Subversion eingeschrieben blieb. Deshalb konnte Dall die Frage im ZEIT-Interview vor ein paar Wochen, ob er schuld sei an der Verflachung des Fernsehens im Allgemeinen, die Unterstellung sofort mit diesem Satz bejahen: „Ich übernehme die volle Verantwortung. Fühle mich aber nicht schuldig.“ Wohl wahr! Schließlich braucht das blödeste Fernsehen zu allen Zeiten  (s)ein Publikum.

karl-dall-bk2„Die Bühne erspart den Psychiater“, sagte der große Dieter Hildebrandt. Könnte sein, es geht Karl Dall ähnlich. Und so plaudert und singt er sich zwei Stunden lang durch einen Abend, der ein wenig manchmal auch zu bloßer Geschwätzigkeit gerät. „Du bist so alt, wie deine Freundin sich fühlt!“ Und: „Für alle Peinlichkeiten in meinem Leben müsste der Abend drei Wochen dauern.“
Er rückt seinem Publikum auf die Pelle, fast alle finden das angebracht und reichen ihm willig Telefonnummern, die er anrufen soll. So gratuliert Dall jemandem zum 57. Hochzeitstag  und spricht mit Jascha in Stadorf, der darob ganz aus dem Häuschen ist. Seine Partner am anderen Ende der Leitung besitzen zum Glück Humor, sodass das Bühnengeschehen nicht zum Fauxpas verkommt.

Das Karaoke stimmt noch, der Text sitzt. Vor allem bei den Hans-Albers-Liedern. „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins….“ Oder „Komm auf die Schaukel, Luise“. Ein Medley seiner Erfolge ist kurz – so viele musikalische Chart-Stürmer waren es dann wohl doch nicht. „Diese Scheibe ist ein Hit“ oder „Heute schütte ich mich zu, mit Gefühl und Schuwiduwidu“ und natürlich: „Millionen Frauen lieben mich, doch deine Frau erkennt das nicht. Warum? Weshalb? Das weiß ich nicht. Doch Millionen Frauen lieben mich.“

karl-dall-bk3Also macht man sich am Ende auf jeden Fall mit einem hartnäckigen Ohrwurm auf den Heimweg. Nimmt zur Kenntnis, dass der VfL Wolfsburg auch ohne uns als TV-Zuschauer den DFB-Pokal gewann und uns schwant einmal mehr, dass wir offenbar alle älter werden und an Biss verlieren. Verlieren dürfen.
Barbara Kaiser – 01. Juni 2015

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben