„Meinst du, die Russen wollen Krieg?“

Zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus


Michail war erst 19 Jahre alt, als er starb. Begraben wurde er fernab seiner Heimat. Er hatte sich nach einem solchen Lebenslauf nicht gedrängt, machte sicherlich andere Pläne, als die deutschen faschistischen Horden am 20. Juni 1941 sein Land überfielen – mit dem expliziten Auftrag, einen Vernichtungsfeldzug zu führen. Wie lange werden seine Mutter, seine Liebste und Freunde auf ihn gewartet haben zu Hause? Und wo war das? Dabei war Michail seit November 1942 schon tot…
Immer wenn ich in meiner Heimatstadt die Gräber meiner Eltern besuche, gehe ich vom Hotel aus zu Fuß. Ich könnte auch das Auto nehmen, aber dann führe ich am sowjetischen Ehrenfriedhof vorbei. Seit einigen Jahren aber, genauer, seit die Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums (meiner alten Schule) sich um das Areal kümmern, Forschungen betreiben, die Steine erneuert werden, stehe ich auch vor diesen Gräbern. Ein paar rote Nelken habe ich jedes Mal dabei. Und wo früher „nesnakomij soldat“ (unbekannter Soldat) zu lesen stand, erscheinen jetzt so nach und nach Namen und Geburtsdaten. Seitdem verneige ich mich auch vor Michail. Einen Nach- und Vatersnamen hat er nicht, der Dienstrang weist auf einen einfachen Soldaten. Was anderes sonst konnte man mit 19 Jahren sein? Er ist nur einer der 27 Millionen Toten, die die Sowjetunion nach dem II. Weltkrieg zu betrauern hatte. Eine ungeheuerliche Zahl, die höchste Opferzahl überhaupt.
Am 8. Mai dieses Jahres jährt sich der Tag der Befreiung vom Faschismus in Europa zum 75. Mal. Die Sowjetunion trug dabei die Hauptlast, das bestreiten nur noch Ignoranten. Am 9. Mai begeht man in Russland den Tag des Sieges. In kilometerlangen Zügen tragen dann die Teilnehmer Bilder ihrer Familienmitglieder, die nicht heimkehrten, nachdem die Unterschrift unter der Kapitulationsurkunde trocknete.
Antifaschismus war in der alten Bundesrepublik und auch im vor 30 Jahren größer gewordenen Deutschland nie „Staatsdoktrin“. Das mussten die Frauen und Männer des Widerstands, die sich einen antifaschistisch-demokratischen Neuanfang nach 1945 gewünscht hätten, bitter erfahren. Eine Re-Nazifizierung im Westen ließ die politischen und ökonomischen Machteliten ungeschoren, sie konnten sogar in höchste Staatsämter aufsteigen (Globke, Kiesinger, Oberländer). Die Mörder wurden durch das sogenannte „131er Gesetz“ von 1951 alimentiert, das zur praktischen Umsetzung von Artikel 131 GG durch den Bundestag – also höchst offiziell – verabschiedet worden war. Es legalisierte die Wiedereinstellung von Beamten und Militärangehörigen aus dem Dritten Reich einschließlich der SS und ihre Pensionsansprüche. Antifaschisten wurden ausgegrenzt. Hingen sie zudem kommunistischen Ideen an, machte sie das KPD-Verbot (1956) mundtot.
Seit 30 Jahren diskreditiert zudem die Geschichtsschreibung den Antifaschismus in der DDR als „verordnet“. Was sprach eigentlich dagegen in einem Land, wo die meisten Menschen Hitler bis zum Ende blind gefolgt waren? „Verordneter“ Antifaschismus ist doch besser als gar kein Antifaschismus! Aber – neuester Streich des Berliner Finanzamts: Es erkennt dem Verein der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten die Gemeinnützigkeit ab und fordert Steuern nach. Jetzt, wo er nicht mehr „verordnet“ wird, gibt es dramatische Wissenslücken über unsere Geschichte in der Gesellschaft. In der Gedenkstätte Bergen-Belsen beispielsweise bezweifelten Schüler einer Besuchergruppe provokant die angegebenen Opferzahlen und das Schicksal von Anne Frank. Die „Vogelschiss“-Geschichtsschreibung einer gewissen Partei zeigt offenbar Wirkung.
Als Richard von Weizsäcker 1985 den 8. Mai erstmals im Westen einen „Tag der Befreiung“ nannte, gab es empörte Aufschreie dort. Im Osten der Republik war dieser Tag bis 1967 und im Jahr 1985 Feiertag. Einen solchen einmalig, eingedenk des Jubiläums, auch in diesem Jahr festzulegen, weigern sich die Politiker hartnäckig. Seltsam, bei Luther vor drei Jahren ging es ganz schnell. Als Niedersachsen einen weiteren Feiertag beschloss, kam der 8. Mai überhaupt nicht in die Endrunde der Entscheidung. Nun haben wir den 31. Oktober – ob nun mit oder ohne Religion oder ganz und gar andersgläubig.
Eine einzige gute Nachricht gibt es noch, neben der allerschlechtesten, dass nämlich die NATO ausgerechnet Anfang Mai ein großes Manöver an der Westgrenze Russlands plante – wie geschmacklos und geschichtsvergessen ist das eigentlich? Darüber könnten die Kommandeure jetzt nachdenken, wo ein kleines Virus glücklicherweise ihnen und uns am Ende noch Abbruch bescherte. Aber: Russland und Deutschland haben vereinbart, mit einem großen Archivprojekt die Schicksale Hunderttausender Kriegsgefangener zu klären. Während der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes schon zahllose Schicksale deutscher Wehrmachtssoldaten in der Sowjetunion geklärt hat und weiter klärt, steht das bei rund zwei Millionen Rotarmisten noch aus. Die Tatsache, dass solch ein Projekt erst 75 Jahre nach Kriegsende in Gang kommt, spricht Bände. Aber immerhin.
Vielleicht erhält „mein“ Michail dann auch einen Nachnamen? Ich jedenfalls werde am 9. Mai meinen russischen Freunden zu ihrem Feiertag, zum Tag des Sieges, gratulieren und hoffen, auch deutsche Politik möge endlich begreifen, dass eine gedeihliche Zusammenarbeit mit Russland dringlicher ist, als ständige Ergebenheitsbekundungen übern großen Teich zu senden.
P.S.: Die Überschrift ist eine Liedzeile von Jewgeni Jewtuschenko aus dem Jahr 1961. Gültig sind die Verse noch immer.

[Barbara Kaiser]

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