Marsch – Antimarsch

Faszinierendes Konzert des Kammerorchesters Uelzen in St. Marien

Es war ein mutiges Programm, das Heiko Schlegel mit seinem Kammerorchester in diesem Jahr vorstellte. Ein mutiges Programm und klare Ansagen in der Moderation. „Marsch“ hieß der rote Faden, an dem sich das Ensemble und die Solisten entlang spielten. „Marsch“ – zwischen eingängig schmetterndem Vierertakt und der Nachdenklichkeit von dessen trauernder Variante.

Zum Auftakt der Rausschmeißer eines jeden Neujahrskonzerts: Der Radetzky-Marsch. Allerdings eher eine sinfonische Variante, nicht die Triumph verkündende, die Johann Strauß Vater dem Befehlshaber der k. u. k. Armee, Graf Radetzky, widmete. Und Heiko Schlegel ersparte seinen Zuhörern glücklicherweise nicht, dass dieser Mann mit dem populärsten aller Märsche Schlachten für ein reaktionäres Regime schlug – er trug den Beinamen „Retter der Monarchie“ – und im ganzen Habsburger Reich die Konterrevolution mit einleitete. Der konservative Teil der Kulturelite lag dem Feldmarschall zu Füßen, auch Johann Strauß Vater!

Dirigent Heiko Schlegel.    Fotos: Barbara Kaiser

Der Beliebtheit dieser Noten wird das auch weiterhin keinen Abbruch tun – man darf die Geschichte aber mitdenken. Im Konzert des Kammerorchesters durfte man. Nach diesem „easy listening“, das in instrumentalem Reichtum und angemessenem Schmiss dargeboten wurde, erklang der Kontrapunkt: Mauricio Kagel (1931 bis 2006). Aus seinen „10 Märsche, um den Sieg zu verfehlen“ spielte das Orchester die Nummern eins bis vier. Hier geht es eher synkopisch zu, bei diesen Noten käme jeder aus dem Tritt. Fortbewegung als Formation ausgeschlossen! Folgerichtig kein frenetischer Siegestaumel.

Aber interessante Noten! Sehr schönes Blech und die komplizierte Aufgabe, die Gegenläufigkeit von Streichern, Bläsern und Trommel zu einem einheitlichen Schlusspunkt zu steuern. Das meisterte Heiko Schlegel perfekt. Überhaupt hielt der Mann am Pult alles energisch zusammen. Seine Musiker folgten ihm und hörten auf jede Geste, nichts klapperte nach in manchmal sehr überraschend kommenden Finetönen.

Für das Concertino für vier Posaunen und Streicher von Jan Koetsier (1911 bis 2006) verpflichtete Schlegel die Musikstudenten Neele Hueseler, Minami Ito, Desislav Tashev und Friedrich Falkenhagen. Die sorgten für ein wunderbares Timbre, beherrschten artistische Läufe, vermochten dem Andantino in Satz zwei unübertroffene Zartheit zu geben. Die Streicher unterstützten die Soloinstrumente flirrend (man dachte an den „Hummelflug“) und standen auf sicherem Grund.

Sichtbare Spielfreude im Orchester war zu beobachten bei Hanns Eislers Orchester-Suite Nr. 2 „Niemandsland“, dessen vierter Satz auch ein Marsch ist. „Zeigt sich im Marsch unsere Sehnsucht nach einfachen Lösungen?“, hatte Heiko Schlegel gefragt. Nein, sicherlich nicht. Denn Marsch macht auch Spaß. Und die „Anti-Märsche“ des Konzertabends waren die intensivsten Musikstücke, die schönste Hörerfahrung. Da kam einem der Mozart-Marsch eher langweilig vor; das aber nicht wegen der Spielweise durch das Orchester, sondern wegen seiner Wohlgefälligkeit.

Die Gesangssolistin des Abends war die Mezzosopranistin Marlene Gaßner. Ehe sie sich den „Liedern eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler widmete, interpretierte sie Hanns Eislers „Solidaritätslied“: „Auf, ihr Völker dieser Erde! Einigt euch in diesem Sinn, dass sie jetzt die eure werde und die große Nährerin!“
Man muss auch diesen Mut ausdrücklich loben, obgleich sie als Opernsängerin nicht den kämpferischen Auftritt bot, den diese Noten erfordern. Schade auch, dass der Text, wie die Verse der Mahler-Lieder, nicht im Programmheft stand, denn gegen ein sehr prononciertes Orchester hatte es Marlene Gaßner stimmlich nicht leicht. Und weil ich die Fassung des Liedes mit Ernst Busch und zudem den Text kenne, möchte ich hier nichts Schlechtes über diesen Programmpunkt schreiben. Couragiert war er allemal!

Mezzosopranistin Marlene Gaßner

Bei den romantischen Mahler-Lieder war die Sängerin dann besser aufgehoben. Mit Schmelz und Innigkeit zelebrierte sie das Liebesleid. Heiko Schlegel war zwar der Meinung, dass das letzte Lied mit seinem Schritte-Takt, seinen Fortgeh-Noten, den Gesellen aus seiner Qual erlösen würde, er vielleicht zu einem neuen Anfang fände – aber der Text erzählt von einem Lindenbaum. Der Bezug zu Schubert und zum Selbstmord als Erlösung aus aller Misere ist eher offensichtlich. Marlene Gaßner besitzt eine schöne Stimme, die zart zu modulieren im Stande ist. Nur in den Höhen, die manchmal schrillen, ist Anstrengung hörbar.

Der Trauermarsch der „Moorsoldaten“, der Gefangenen aus dem faschistischen Konzentrationslager Börgermoor, erklang ebenfalls in den zwei Stunden in St. Marien. Heiko Schlegel erläuterte dazu, man habe das Lied ins Programm aufgenommen um zu warnen, „wohin die allgegenwärtige Militarisierung führen kann.“ Dafür bekam er Szenenapplaus.

Danzón Nr. 2 von Arturo Márquez (*1950) stellte am Ende die mehr Harmoniesüchtigen unter den Zuhörern zufrieden. Aber das diesjährige Konzert des Kammerorchesters Uelzen, dem Heiko Schlegel seit dem Jahr 2000 vorsteht, war in den dissonanten Partituren aufregender und erlebnisreicher. Denn auch hier bewies der Klangkörper Nuancierungsvermögen im Spiel, einen ganz eigenen Ton. Und insgesamt war es eine erfreulich von Empathie – auch für die Geschichte der einzelnen Werke – durchdrungene Vorstellung.
Barbara Kaiser – 13. Mai 2019

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