Maritimes im Kurparkzelt

„Hamborger Schietgäng“ und „Matrosen in Lederhosen“ versuchten Animation auf unterschiedliche Art

Das war eine seltsame Dopplung: Innerhalb nicht mal einer Woche sahen die Bretter des Kurparkzelts in Bad Bevensen Musikalisch-Maritimes. Wie unterschiedlich allerdings diese Art der Unterhaltung ans Publikum gebracht werden kann, davon zeugten die Gastspiele der „Hamborger Schietgäng“ und der „Matrosen in Lederhosen“. Eine vergleichende Betrachtung:

Zugegeben: Ihr Name klingt ein wenig unappetitlich. „Schietgäng“. Aber er ist vielleicht gleichzeitig eine Verbeugung vor der früher schweren, dreckigen Arbeit dieser Mannschaften. Denn wie heißt es im Lied von dem Hamburger Veermaster, dem Viermaster: „Dat Deck weer vun Isen, vull Schiet un vull Smeer./ Dat weer de Schietgäng ehr schönstes Pläseer.“ Da hatten sie richtig was zu schrubben.
Die sieben Hamburger Reinigungsleute schrubbten musikalisch. Sie wuschen den Staub ab von so mancher Instrumentierung mit der Konsequenz, dass die wie neu klang. Sie passten ihre Interpretation den Texten an,  dass „My Bonnie is over the ocean“ schon mal ganz schön synkopisch-verjazzt daher kam oder das sentimentale „Rolling home“ eine karibische Trommel und deren Rhythmus vertrug.

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Die "Hamborger Schietgäng"

Seit sieben Jahren spielen und singen sie zusammen: Olaf Caselich (aufgeweckter Drummer), Lutz Cassel (richtiger Seemanns-Bass und Kontrabass obendrein), Tristan Kindel (wunderbares Akkordeon), Jörn Mählmann (quicklebendig zwischen Piccolo- und Bass-Blockflöte), Holger Nowak (Gitarre, Gesang), Uli Rademacher (Gitarre und zum Niederknien mit der Mundharmonika) und Andreas Werling (Konzertgitarre, rockige Stimme und schon mal Animator). Zwischen 25 und 40 Auftritte haben die Jungs mit den Ringelshirts im Jahr, sie sind dabei locker und ungemein experimentierfreudig
So mischte das Septett die alten Gesänge kräftig auf, sang über die Finkenwerder Anna, die ihre lebendigen Schollen feilbietet und sie im Himmel vermissen wird, und über die Hamburger Steinstraße, wo so mancher Streit vom Zaun zu brechen ist. Sie besingen nach den Beatles und Udo Lindenberg auf die Melodie von „Penny Lane“ lautstark die Reeperbahn: „Wenn ich dich heute so anseh`/ Kulissen fürn Film, der nicht mehr läuft./Deine Abende sind teuer, doch es gibt kein Abenteuer…“, heißt es darin, was ganz gewaltig nach Wehmut klingt.
Aus einem Schunkel-Fischerlied – Fidirallala – machen sie einen flotten Sechsachteltakt. Und die „Barmbeker Briten“ sind keineswegs von der Insel, sondern eine Räuber- und Diebesbande, die sich in Fuhlsbüttel wiedertrifft: „Was für `ne Last für den Beamtenstand, sind wir Briten aus dem Barmbeker Land!“

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Lutz Cassel und Olaf Casalich von der "Schietgäng".

Beim Publikum kam die Mischung aus Seemannslied, Shanty, Konversation und Mitmachaufforderung außerordentlich gut an. Die Frage, was die Matrosen von allen Spirituosen am liebsten trinken, wurde dann freiwillig schunkelnd-gymnastisch mit beantwortet. Wir wissen es ja alle: „Am liebsten Rum, valera!“ Wobei der Chorus der Sieben noch Luft nach oben hat in Sachen Intonation und Homogenität, obwohl das bei diesen Liedern so ziemlich egal ist.
Der Ausflug in die Karibik mit Harry Belafontes „Angelina“ oder „Island in the sun“ war die Chance für ein Stück Konzertgitarre, ein schmachtendes Akkordeon und Jamaikatrommeln. Und das Instrumental über die irischen Waschfrauen war ein waschechter (!) Reel, dieser schnelle 2/2-Takt, bei dem der Flötist nicht außer Atem kam.
Natürlich war nach zwei Stunden die Zugabe der „Jung mit`n Tüdelband“. Gab`s eigentlich einen typischen Hans-Albers-Song? Nee. Die Stimmung war auch ohne sehr ausgelassen.

Jetzt das Kontrastprogramm: Ihr Name ist so etwas wie ein Fabelwesen. Eine Mischung wie Kentaur oder Sphinx. Sie praktizieren, was nicht zusammengehört und auch nicht passt, was seit ewigen Zeiten im Widerstreit liegt: Berge und Meer. So richtig ausgereift ist das Ganze nicht. Weder Fisch noch Fleisch. Weder Waterkant noch Alpenluft. Es ist, wie man vermuten durfte, eine Mixtur aus Alt-Bewährtem und Selbst-Komponiertem. Wobei das Alte natürlich auf den Bonus des Beliebten und Vertrauten setzen darf.
Die „Matrosen in Lederhosen“ gibt es seit fast zehn Jahren und sie gewannen in 2014 im schönen Meran/Südtirol den dritten Preis des Alpen-Grand Prix mit ihrem Schlager „Alpen-La Paloma“. Auch so ein Antagonismus, ein Widerstreit, aber auch ein Junktim, weil es zwischen beidem – vor allem zwischen beiden Musiken des Genres – einen Zusammenhang gibt. Warum also nicht zusammenkoppeln? Den unerschütterlichen Frohsinn dieser Noten, die tränenfeuchte Sentimentalität ihrer Texte, die standhafte Verweigerung von realer Welt und vor allem die musikalische Einfallslosigkeit der immer selben Vierviertel-Takte.

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"Matrosen in Lederhosen"

Es soll hier an dieser Stelle nicht schon wieder über das Niveau der volkstümlichen Musik geschrieben werden. Sie hat ihr großes Publikum – man mag das verstehen oder nicht. Und wegen all der unerklärbaren Erfolgsgründe steht das Trio auf der Bühne. „Wir wollten mal was ganz anderes machen“, sagen sie ihrem begeisterten Publikum in der Pause, als sie ihre CDs verkaufen. Das haben sie wohl.
„Ja, mit den Hosen, da kann man posen, die sitzen stramm….Die ziehn wir nicht mehr aus,/ dann kommen wir groß raus!“ Solch Auftrittslied bedarf des Kommentars nicht.
Das Matrosen-Marsch-Medley hat das Publikum natürlich sofort auf seiner Seite: Wir lagen vor Madagaskar – Karamba, Karacho, olé – Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern – Das ist die Liebe der Matrosen….
Dann die maritime Schunkelrunde: Schön ist die Liebe im Hafen – Auf der Reeperbahn nachts um halb eins - Hein spielt am Abend so schön auf dem Schifferklavier.

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Apropos: Hätte wenigstens einer der Akteure wirklich auf dem Schifferklavier gespielt, anstatt die Musik Karaoke vom Band kommen zu lassen, wäre so manches gelungen.
Ganz nett war vielleicht das Lied vom „Fischer un sin Frau“. Weil das Plattdeutsche eben alles um Längen sympathischer macht. Und wenn man den Refrain auf die schmissige Melodie vom „Holzmichel“ singt, sowieso: „Is denn des Fischers Frau tofreeden? – Nee, se gnatzt noch, se gnatzt noch, se gnatzt noch!“ Aber das sind musikalisch fremde Federn, der Erfolg der Gruppe „De Randfichten“ aus dem Erzgebirge kam ja nicht von ungefähr!
Das „Steigerlied“ von eben dort einfach mal auf „Ahoi, der Käpt`n kommt und ruft“ umzudichten, ist nicht besonders einfallsreich. Über die eigenen Texte und Kompositionen schweigt der Schreiberin Höflichkeit hier lieber. Über das verbreitete Weltbild – in den Liedern über Oma und Opa – besser auch.

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Tristan Kindel von der „Hamborger Schietgäng“

Gab`s auch was zu loben? Auf jeden Fall. Die drei Burschen vor dem Bühnenbild des grienenden Herings gaben sich authentisch und sind sehr nett zu ihrem Publikum, das sich aufgehoben fühlte. Und trotz der instrumentalen Begleitung aus dem Off (nur manchmal greift der Hein zur E-Gitarre) sind die Drei in der Lage, Stimmung zu produzieren. Steril und distanziert geht es nicht zu. Nur die Witze sind alt und die Conferénce aus der Seemannsgarn-Kiste nicht besonders originell. Vielleicht hülfe ein handfester Kurs im Plattdeutschen, im Arzgebirgschen, was ja ein Dialekt ist, auch. Bayerisch muss vielleicht nicht unbedingt sein. Denn dafür, dass die „Matrosen in Lederhosen“ einem Fabelwesen gleich sind, haben sie – im großen Gegensatz zu ihren Kollegen der „Schietgäng“ - zu wenig Fantasie. Vor allem musikalisch. Aber auch das muss man eben dem Geschmack des Publikums überlassen.
15. und 21. August 2015 - Barbara Kaiser

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