Magische Klangteppiche

„Gregorianika“ kehrte anlässlich des 10. Geburtstages zum Ort erster Auftritte zurück

Was für ein musikalisches Schweben! In einer Zartheit, die andere Geräusche sofort verstummen lässt, und doch anheimelnd bassgrundiert! Das Geheimnis gregorianischer Gesänge wird wohl nie ganz erklärt werden können. Dass es inzwischen zahlreiche Gruppen gibt, die sich dieser Musik verschrieben haben, ist Tatsache. Dass jedoch nicht alle so in ihren Bann zu ziehen vermögen wie „Gregorianika“ ebenfalls.

Die sieben Sänger, davon vier Tenöre, feiern ihren zehnten Geburtstag mit einer Tournee. In der Klosterkirche Medingen, wo ihre Karriere den Anfang nahm, traten sie gleich zwei Mal hintereinander auf. Und sowohl am Nachmittag wie auch am Abend war das Haus nahezu ausverkauft.
Unter der Leitung von Oleksij Semenchuk sang das Ensemble außer den namensgebenden Noten auch andere Kirchengesänge, Eigenkompositionen und als Verbeugung vorm Zeitgeist und/oder Publikumsgeschmack Beatles-Noten. Interessanterweise fehlte denen, im Vergleich zu den magischen Klangteppichen der Gregorianik, das Ergreifende. Dabei ist „Yesterday“ von Sir Paul nun wirklich nicht der schlechtesten Songs einer.

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Beginnend mit einem „Kyrie eleison“ schritten die Sieben durch den Kirchenraum, nahmen Aufstellung und hatten ihr Publikum bereits gefangen genommen. Wann die Sänger eigentlich Atem schöpfen für diese lichtgefluteten Sopranhöhen und die weiten Bögen der schwarzen Tiefen, bleibt so gut wie verborgen. Scheinbar ohne Anstrengung wogen Crescendo und Decrescendo und auch im letzten verklingenden Piano-Ton wird der Klang nirgendwo brachial oder spröde. Die Tonflächen zu den Soli sind ein harmonisches Rauschen, in das man sich werfen möchte.

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Natürlich fehlte das „Ora et labora“ nicht. „Bete und arbeite“, für „Gregorianika“ heißt es wohl „Bete und singe“, was letztlich genauso Arbeit ist. Jeder Ton stimmte, Schwächen ließen die Sänger nicht zu. Weder im ukrainischen Volkslied „Preise meine Seele“ – „Duscha moja“ – noch beim „Mädchen am Fluss“, das mit einem ganz, ganz tiefen „Ljublju“ – „ich liebe dich“ – ausklingt.

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In der Zugabe, dem schönsten Schlaflied überhaupt, dem Brahmsschen „Guten Abend, gut Nacht“, floss die Phonetik, die sich auf Deutsch und Englisch nicht immer als einfach handhabbar erwiesen hatte, vorbildlich. Betörend, samtig satt, bis zum Schluss voller Klarheit und Haltbarkeit der Vokalität, die sich zu Strahlkraft und Sinnlichkeit gesellt hatten den ganzen Abend über.
Barbara Kaiser - 19. Januar 2015

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