Leidenschaftlich und anmutig

„32 x Beethoven“ huldigte im Kammerkonzert der kleinen Form

Auch auf die Gefahr hin, hier des Lobbyismus gescholten zu werden, muss zu Beginn wiederholt eine Würdigung von Hinrich Alpers stehen: Was sich dieser Mann an Spiel aufgeladen hat an diesem Wochenende ist nahezu nicht vorstellbar. Am zweiten Abend war er verlässlicher Kammermusikpartner und Liedbegleiter. Als Gäste eingeladen standen mit ihm auf dem Podium im ovalen Saal Holdenstedt Sumi Kittelberger (Sopran), Erik Schumann (Violine) und Claudio Bohórquez (Violoncello). Es ging hochdramatisch  genauso wie anmutig und wunderbar zart zu:

Zum Auftakt die Sonate für Klavier und Violoncello C-Dur op. 102,1, die Ludwig van Beethoven im Jahr 1815 in Noten setzte. Claudio Bohórquez gibt einem Instrument Ausdruck, das einen männlich rauen Ton hat. Daran hatte man sich zu gewöhnen. Ein zärtliches Andante dennoch und ein Allegro, das energisch punktierte Rede und Gegenrede war, ehe alles in Gemeinsamkeit mündete. Der spröde Streicherklang verband sich mit der kultivierten Tongebung des Klaviers. Absolut und ganz zufrieden kann Hinrich Alpers nicht gewesen sein, denn das Musizieren mit seiner Frau, Sabine Frick, besitzt die eindeutig vollständigere Homogenität und bravourösere Kongruenz. Auch hat ihr Cello den betörenderen Klang.

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Fotos: Barbara Kaiser

Danach die Sonate für Klavier und Violine A-Dur op. 47 (Kreutzer-Sonate). Die Frage ist hier ja, geschuldet der literarischen Belastung durch Lew Tolstoi, ist es ein Duett oder ein Duell? Die zwei so unterschiedlichen Instrumente legen die Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau nahe, sagen manche Musikwissenschaftler.
Hört man die drei Sätze unvoreingenommen, ohne auf Krawall gebürstet zu sein, sind sie am Ende - Überwältigung. Jedenfalls im Spiel von Erik Schumann und Hinrich Alpers. Ihr reich nuanciertes Spiel meidet aufgeblähtes Pathos, ist trotzdem dramatisch, atmosphärisch und präzise in einer geradezu organischen Einheit. Die zwei Solisten setzten auf das suggestiv Treibende, auf die Eloquenz dieser Musik. An keiner Stelle blieb ihr Vortrag mangels Binnenspannung fragmentiert.
In der langsamen Einleitung von improvisierendem Charakter reift das Thema heran, das im Presto leidenschaftlich ausbricht.  Besänftigung dazwischen. Am Ende ist die (Streit)Kraft verpufft. Frieden? Die vier sehr unterschiedlichen Motive des zweiten Variationen-Satzes belegen verschiedene Stimmungen. Zunächst ein synkopisches Tändeln, das die Präzision braucht wie kaum ein anderer Rhythmus. Ein munterer Schnellläufer danach, ein Perpetuum mobile. Das Kippen nach Moll, Innehalten mit schwermütigem Ausklang. Am Ende eine Pizzicato-Geige zum trillernden Klavier. Ein Wettlauf-Finale beendet das Ganze. Wer ist der Sieger? Mann oder Frau? Auf keinen Fall endet es so unversöhnlich-brachial wie die Geschichte des Dichters. Wer könnte solch schmelzender Violine, die die Spitzentöne unangefochten weich darzubieten im Stande ist, auch Gewalt antun!

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Das weibliche Viertel des Konzert: Sumi Kittelberger. Sie besitzt einen Sopran, der sicher und behutsam mit den Höhen umgeht und eine schön timbrierte Tiefe hat. Die zierliche Person kann stimmlich energisch auftrumpfen ohne schrill zu sein; es bleibt abzuwarten, ob sie derlei Qualität im großen Theater mit einem ganzen Orchester beglaubigen wird.
Die sechs Lieder „An die ferne Geliebte“ vermochte sie sympathisch mit Seele zu füllen. Ihre Stimme blieb modulationsfähig auf ganz besondere Weise, der Text verständlich. Hinrich Alpers malte am Flügel stimmige Atmosphäre dazu. „Klagt den Vöglein meine Qual/ meine Tränen ohne Zahl…“ Zum Klagen gab es nach diesem Vortrag nicht den geringsten Grund. Obendrein zeigten die Noten, dass Beethoven sich hier mit der Romantik anzufreunden wusste, denn diese Zwiesprache Liedmelodie und eigenständige Begleitung kennen wir von Franz Schubert sehr nachdrücklich.

beethoven-kammermusik4Zum Ausklang des Abends noch 30 Minuten Hörgenuss: Das Trio für Klavier, Violine und Violoncello c-moll op. 1,3. Es erhielt die erste Opus-Zahl, die der Komponist zu vergeben hatte. 1793/95 entstanden drei Trios dazu. Was Es-Dur und G-Dur der Nummer 1 und 2 an Heiterkeit verströmen, holt die 3 in c-moll  an düsteren, tragischen, wilden Emotionen nach. Vier Sätze zwischen fröhlicher Pizzicato-Orgie der Streicher, Tasten-Gewusel am Flügel, aggressiven Intermezzi, Elegie in Moll und kollektiver Harmonie am Schluss.

beethoven-kammermusik-schlussHinrich Alpers, Erik Schumann und Claudio Bohórquez waren virtuose Anwälte dieser Musik. Am Reichtum des Klangs bleiben alle beteiligt. Sie musizieren atmend, eminent sinnlich und beweglich. Lustvoll dröhnend, grandios dynamisch, wehmütig leise.
Glanzfülle lässt sich ja in der Regel leicht machen, versteckte Details zum Blühen zu bringen, ist schwieriger. Auch der Cellist war hier unbedingt auf der Höhe der Aufgaben, vielleicht, weil er die Klaviertrios bereits einmal im „Beethoven-Marathon“ des Berliner Konzerthauses (2012) interpretierte und offenbar angesteckt wurde von der sichtlichen Spielfreude seiner beiden Partner.
Nicht enden wollender Beifall nach zwei Stunden Konzert. Glückliche Akteure. Ein hochzufriedenes Publikum. Ein weiteres Mal: Bravo!
Barbara Kaiser – 14. Juni 2015

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