Kultur zum Mitnehmen

Ein Wochenende an der Mühle - für die Kunst

„To go“ klingt flüchtig. Oberflächlich und lieblos und nach Wegwerfgesellschaft. Und der Müll an den Straßenrändern zeugt von dieser „to-go-Mentalität“, ist mehr als ärgerlich. Was aber ist ein „Festival to go“? Was kann man sich davon mitnehmen? Auf jeden Fall die Überzeugung, dass der Begriff auch anders zu füllen ist.

An der Woltersburger Mühle fand am Wochenende solch ein „Festival to go“ statt. Was bedeutete, dass die Besucher sich zwischen den verschiedenen Kulturstationen bewegen konnten. Zwischen Renaissancelied (Alex Potter), Improvisationstheater und heiterer Instrumentalmusik (Karin und Peter Malangré, Klaus Gertken). Zwischen unterschiedlichen Genres und Programmen, Küchenlied und Operette, Blues, Country, Folk.

Der Erlös dieser „Kultur auf die Hand“ kam den freiberuflichen Künstlern zugute. „Wir zahlen garantiert 4500 Euro Gage aus“, versicherte Gerard Minnaard, der Erfinder des Festivals. Dafür wurden Fördergelder umgeleitet. Spenden gab es eher weniger, was eigentlich traurig ist.

Denn vor dieser Pandemie sind nicht alle gleich. Solo-Selbständige brachte das Virus ganz schön aus dem Takt, weil sie für solch einen Krisenfall nicht abgesichert sind, kein Kurzarbeitergeld, Rücklagen sowieso nicht. Zwar steckten sich auch Tom Hanks, Friedrich Merz oder Boris Johnson an – aber der Unterschied zwischen Hollywood-Millionär, Spitzenpolitiker mit Beraterverträgen oder britischerem Premier und den verschiedenen Künstlern, die sich von Auftrag zu Auftrag hangeln, muss hier nicht erörtert werden.

Deshalb ist es einmal mehr erfreulich, dass Initiator Minnaard auf dem weitläufigen Gelände der Woltersburger Mühle selbigen eine Bühne und ein Salär bot.

Bei Alex Potter saßen reichlich zwei Dutzend Zuhörer und lauschten englischer Barockmusik, dachten dabei wahrscheinlich an Shakespeare und waren entzückt. Wie immer, wenn der Countertenor auftritt. „Es ist gut, dass sie gesagt haben, trotz Corona schaffen wir was“, hatte Potter vor seinem Auftritt im Gespräch erklärt. Das ist kompatibel mit dem: „Wichtig war uns, in dieser Zeit etwas zu tun, ehe alles kaputt geht“, von Minnaard. Und wenn Potter in einem Mozart-Lied die „goldne Freiheit“ besingt, die man jenseits von Familienpflichten, dem Staatsdienst oder anderen Zwängen hat – so bedeutet diese Freiheit für die Künstler jetzt Existenznot.

Weil Corona der Welt das sehr hässliche Gesicht des entfesselten Kapitalismus zeigt. In dem Gesundheit eine Ware ist und Kultur nicht systemrelevant.

Man sollte das nicht vergessen, auch wenn man über das Improtheater lacht, das Stegreif mit Publikumsideen spielte. Oder bei Peter und Karin Malangré und Klaus Gertken am Pavillon der heiteren Sommermusik lauschte. – Das Publikum kam zahlreich, „Es ist gut gelaufen“, lautet die Einschätzung Gerard Minnaards, ließ sich auch von ein paar Regenspritzern am Sonntag nicht abhalten. Und wer für die Kunst „to go“ auch gespendet hatte, ging mit dem Gefühl nach Hause, Gutes getan zu haben. Dafür gebührt ihnen Dank!

Barbara Kaiser – 24. August 2020

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