Kühn und beeindruckend

Merle Hillmer im 5. St.-Marien-Sommerkonzert an der Orgel

Die Organistin begann energisch und sehr zügig: Präludium und Fuge e-moll BWV 548. Dieses wunderbare Werk, das der Musikwissenschaftler Philipp Spitta (*1841) eine zweisätzige Orgelsinfonie nannte, um „eine richtige Vorstellung von ihrer Größe und Gewalt nahezulegen“. Denn groß ist dieses Stück ohne jeden Zweifel. Es baut weiträumig Spannungen auf, legt sie frei und gliedert sie auf harmonischer Basis. Eine kühne Fuge errichtet ein großartiges Gedankengebäude; das chromatisch sich auffächernde Thema weist darauf, dass der Komponist sich einer starren Form nicht zu ergeben bereit war, sondern es neuem musikalischem Denken aussetzte. Denn am Ende ist die Fuge eine Art Toccata.

Merle Hillmer, die Solistin des 5. Sommerkonzerts in St. Marien, ist trotz ihrer Jugend eine hinreißende Spielerin. Wie sie die Synkopen aushörte, trotz des Tempos durchsichtig blieb und niemals Klangbrei produzierte – was angesichts dieser Notenfülle ein Wunder ist -, wie sie die atemberaubenden Läufe in den Manualen meisterte, das war hohe Kunst.

Kantor Erik Matz war sicherlich stolz auf seine ehemalige Schülerin, denn er vergaß bei der Begrüßung nicht zu erwähnen, dass Hillmer „hier das Orgelspiel gelernt hat“. St. Marien war wieder gut gefüllt und es ist schön, „dass im Ausnahmezustand der Zeit unsere Konzertreihe stattfinden kann“, so Matz weiter. Das Kommen hatte sich gelohnt, denn der rasante Auftakt gab den Kammerton vor für ein Konzert, das beseelte und euphorisierte.

Nach der Mammutaufgabe von Präludium und Fuge ging es mit Johann Sebastian Bach weiter: Aus der Matthäus-Passion (BWV 244) erklang „Ich will bei meinem Jesus wachen“, von Robert Schaab (1817 – 1887) für Orgel transkribiert. Hier ging die Zügigkeit vielleicht ein bisschen auf Kosten der Empathie, bedenkt man den Text.

Dann große Romantik: Max Regers Choralfantasie „Halleluja! Gott zu loben bleibe meine Seelenfreud“. Das Spiel von Merle Hillmer rührte an mit einem schönen Largo-Thema, ganz piano und zart, ehe eine kesse Fuge dem Schluss entgegeneilte und sich auf diesem Wege zum Monument wendete, nirgends verstolperte und in einem Fine-Akkord fff verklang. Das Pathos verstand die Interpretin zu kanalisieren, nie aber zu neutralisieren – eine überzeugende Balance.

Jehan Alain war ein französischer Komponist, der viel zu jung mit nur 29 Jahren im Zweiten Weltkrieg sein Leben lassen musste (1940). Als Entstehungsjahr seiner „Premiere et Deuxieme Fantaisie“ gibt das Lexikon das Jahr 1933 an. Und so kann man die Dissonanzen dieser Neuen Musik, die sehr originell daherkommt, als Kriegsgeheul hören. Der Schlussakkord ist dumpf wie die bleierne Ruhe über Gräbern.

Als Abschluss gab es noch einmal Romantik: Ouvertüre aus dem Paulusoratorium op. 36 von Felix Mendelssohn-Bartholdy.  „Orgel kann begeistern“, zeigte sich Erik Matz eingangs überzeugt. Das Konzert mit Merle Hillmer war schlüssiger Beweis dafür. Diese Schlussmusik, eine faszinierend virtuose Rennstrecke, bei der die Solistin jedoch die schroffen Kontraste mied, sondern die Themen zum Singen brachte, enthusiasmierte und entließ das Publikum frohgestimmt in den Abend. Und in die Hitze des Tages – in der Kirche waren es sehr angenehme 22 Grad gewesen.

Ein großes Bravo für diese junge (noch) Studentin, die zu den schönsten Hoffnungen Anlass gibt. Die ihren Masterstudiengang im September in Leipzig beginnt und auch wettbewerbserfahren ist.

Am kommenden Samstag, 15. August 2020, wird es leiser: Zu Gast sind Friederike Fechner und Matthias Suter an Violoncello und Marimba/Vibraphon. Um 16. 45 Uhr wie immer.

Barbara Kaiser – 10. August 2020

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben