Krank – kränker – Monsieur Argan

Poetenpack aus Potsdam eröffnete die Theater- und Konzertsaison in Bad Bevensen mit Molières Komödie

Wer hätte nicht gerne einen Arzt in der Verwandtschaft. Mir selber genügte schon ein Zahnarzt. Aber muss man deshalb die eigene Tochter zur Heirat mit einem Quacksalber zwingen? Mit einem ausgemachten Trottel obendrein? Monsieur Argan muss das, denn er fühlt sich tagtäglich sehr krank. Manchmal kränker, dem Tode nah. Und deshalb soll Angélique, sein eigen Fleisch und Blut, den dusseligen Thomas ehelichen. Dabei liebt das Mädchen doch Cléanthe. Und er sie. Aber es gibt ja noch Toinette, das gewitzte Hausmädchen, die sich, emanzipiert wie sie ist, überall einmischt. Sie ist übrigens die schlagfertige Theaterschwester von Dorine aus dem „Tartuffe“. Und am Ende wird sowieso alles gut!

Natürlich wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, längst, dass es sich bei dem „Eingebildeten Kranken“ um den von Jean Baptiste Molière handelt. Der Kulturverein Bad Bevensen eröffnete mit dieser Komödie und dem Gastspiel der Theatertruppe „Poetenpack“ aus Potsdam die Theater- und Konzertsaison 2019/20. Die Veranstalter hatten sogar den Wagemut, es Openair zu tun! Bei 15 Grad Außentemperatur. Bleibt zu hoffen, dass nicht allzu viele Besucher danach wirklich einen Arzt brauchten!

„Poetenpack“ brachte die drei Akte in einer Inszenierung von Teo Vadersen als flottes Spiel in knapp zwei Stunden unter. Die Gäste verschenkten in ihrer Aufführung nicht das Potenzial, das da lautet: Ein Spiel ist auch Anspielung.
Das Bühnenbild: Ein großer Würfel aus Stangen, der eine Stoffrückwand hat. Darin ein Gerät, das als Schiffschaukelgondel genauso durchgehen würde wie als Wanne, Zahnarzt- oder Toilettenstuhl oder größeres Fauteuil. Höhenverstellbar und mit Schaukelfunktion. (Ausstattung: Janet Kirsten)

Fotos: Barbara Kaiser

Die Gäste aus Brandenburg chargierten in dieser Komödie des französischen Schauspielers und dichterischen Genies, der, nur 51-jährig, nach einer Aufführung eben dieses Stücks starb, zwischen der alten französischen Farce, der italienischen Commedia dell`arte und dem deutschen Jahrmarktpossenspiel.
Die Akteure waren schrille Puppen mit venezianischen Gesichtsmasken, aber auch sanfte, weil liebende Menschen. Charaktere sind sie in jedem Fall.
Im „eingebildeten Kranken“ geht es nicht ganz so bösartig wie im „Tartuffe“ um die Unzulänglichkeiten und Berechnungen im Miteinander, aber Heuchelei, Erbschleicherei, Gier und Lüge sind allgegenwärtig. (Die Gültigkeit für die Gegenwart muss sich jeder selber denken.)

Das Ensemble um Justus Carrière als der leidende Argan ist putzmunter. Der Inszenierung geht an keiner Stelle die Luft aus. Die Schauspieler: ein erfrischend junges, spielfreudiges Ensemble. Auffallend ein hohes, kultiviertes Sprechtempo und -niveau, das zwar nicht immer auch in der letzten Reihe ankommt – was auch dem regendrohenden Himmel über der Arena geschuldet ist -, trotzdem wohl tut.

Justus Carrière als der eingebildete Kranke.

Immer füllen die Akteure mit artistischen Gebärden und Charisma die Bühne. Rike Joeinig ist ein kesses, sehr selbstbewusstes Kammerkätzchen Toinette, das der liebenden und angesichts der Heiratspläne des Vaters verzweifelten Tochter des Hauses (Clara Schoeller als Angélique) und dem hypochondrischen Hausherrn auf die Sprünge hilft. Berechnend die Gattin des ungleichen Ehepaars Argan und Béline (Karen Schneeweiß-Voigt).

Eine Paraderolle hielt die Aufführung für Thomas Wiesenberg als trotteliger Thomas, erkorener Ehemann und frisch von der Universität, bereit. Während der Text der Inszenierung gegenwartskompatibel neuübersetzt wurde, drechselte Thomas bei seinem Antrittsbesuch offenbar noch die Verse aus frühen Übertragungen. Das ist einfach wunderbar!

Der Ton aller ging immer direkt ins Publikum. Die Regie verließ sich nicht nur auf ästhetischen Aufputz, sondern stellte die übergroße Sorge um sich selbst, das geldgierige Mediziner- und Apothekenwesen und alle Erbschleicher an den Pranger. Nie didaktisch, eher unauffällig-nachdrücklich.

„Die Ungerechtigkeit regiert die Welt. Die Wahrheit ist nur auf der Bühne“, sagte, ja wer wohl – Schiller. Wie sehr Gegenwart und Wahrheit dieses 345 Jahre alte Stück noch heute auszeichnen, das blieb uns „Poetenpack“ nicht schuldig. „Was bringt den Doktor um sein Brot?/ Gesundheit und der Tod./ Drum hält er, dass er lebe,/ uns zwischen beidem in der Schwebe!“ sangen die acht Akteure zu Beginn. Wer dächte dabei nicht an Abrechnungsbetrug und überflüssige Untersuchungen?
„Der eingebildete Kranke“ war, trotz der widrigen Wetterlage, ein gelungener Saisonauftakt in der Kurstadt.
Barbara Kaiser – 02. September 2019

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