Kontrapunkte

Ankündigung: Beethovens Sinfonien Nr. 7 + 8 im vierten Winterkonzert mit Hinrich Alpers am Sonntag, 26. Januar 2020

Ausgerechnet zu meinen beiden Lieblingssinfonien Nr. 7 + 8 bin ich im Urlaub. Was jetzt nicht heißt, dass ich die anderen 1 bis 9 -Werke des großen Wiener Klassikers nicht auch gerne hörte. Aber die Nr. 9 wurde doch, zwischen dem Song of Joy von Miguel Rios aus dem Jahr 1970 – wir erinnern uns: der 200. Geburtstag Beethovens - und der Europahymne, ziemlich Nerv tötend missbraucht. Was sagte wohl überhaupt Textgeber Friedrich Schiller zu solchen Eskapaden, wo diese Welt sich von seinem Elysium mehr und mehr zu entfernen scheint?

Die Nr. 3 mag ich wegen des Adagio-Trauermarschs in Satz zwei, den Alpers im September im Programm hatte und der erschütterte, wie sich alle Anwesenden erinnern werden. Und das Eingangsmotiv der Nr. 5 ist ja zum Stichwortgeber sogar für Kabarettisten verkommen. Da weiß man nicht, ob man den Komponisten bedauern (schließlich hatte er es anders gemeint) oder bewundern soll – weil diese Aktualität nach solch langer Zeit nicht jedem zuteil wird.

Aber: Die Nummern 7 + 8! Diese Kontrapunkte. Diese Anti-Napoleon-Musik hier und das Humoristischste, das Beethoven je in eine Sinfonie packte, dort. Diese zwei Sinfonien stehen am Sonntag, 26. Januar 2020, 17 Uhr, auf dem Programm (Theater/Hinterbühne, Einführung eine Stunde vorher).

War die 3. Sinfonie, die „Eroica“, auf Bonaparte komponiert, so ist das A-Dur der 7. gegen den französischen Usurpator zu denken. Die ersten Skizzen finden sich bereits im Jahr 1806 – es ist die Fixierung eines a-moll-Trauerstücks. Zwischen den Schlachten von Austerlitz 1805, in der die französische Arme die Allianz der Österreicher und Russen besiegte, und der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806, wo Napoleon den Preußen die vernichtende Niederlage beibrachte, kam es auch zum bekannten Eklat zwischen Beethoven und seinem Gönner Fürst Lichnowsky, als sich der Komponist weigerte, vor französischen Offizieren zu spielen. Nach der Nachricht von Frankreichs neuestem Sieg bei Jena fiel auch das Wort: „Schade, dass ich die Kriegskunst nicht so verstehe wie die Tonkunst, ich würde ihn doch besiegen.“ Bis zu diesem Sieg sollten dann noch fast zehn Jahre vergehen, die ganz andere Allianzen schmiedeten…

Beethoven begann mit dem Klavierkonzert Nr. 5 (1808/09) seine patriotischen Kompositionen. Im Jahr 1810 die Musik zu Goethes „Egmont“ op. 84, 1811/12 die A-Dur-Sinfonie Nr. 7 op. 92, 1813 „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria“ op. 91.

Und so wie diese Musiken gemeint waren, wurden sie vom Publikum auch aufgenommen. „Die Jubelausbrüche während der A-Dur-Sinfonie … überstiegen alles, was man bis dahin im Konzertsaal erlebt hatte“, schrieb ein Kritiker. Und auch Schüler Czerny bezeugte, dass das Werk den „damaligen Zeitereignissen“ sein Entstehen, seinen Schwung und seine patriotische Begeisterung verdanke. Bloß Richard Wagner, der es hätte besser wissen können, schließlich stand er 35 Jahre später in Dresden selber auf den Barrikaden, fantasierte etwas von „Apotheose des Tanzes“.

Nein, die 7. Sinfonie ist programmatisch, sie ist ein Appell. Die weitausgreifende Introduktion genauso wie der streng durchgehaltene Takt im ersten Satz, das Schrittmotiv von Satz zwei, der Dreivierteltakt des Scherzo und das synkopische, mitreißende Finale.

Beethoven hatte nach der Aufführung die Mitwirkenden in einer Dankadresse gewürdigt: „Uns alle erfüllte nichts als das reine Gefühl der Vaterlandsliebe und des freudigen Opfers unserer Kräfte für diejenigen, die uns so viel geopfert haben:“ Ja, im schlimmsten Fall ihr Leben. Auch Egmont hatte sich mit „Freude“ dem Vaterland geopfert. Dieser unverhüllte Patriotismus ist heute ja mit Vorsicht zu lesen, denn schnell biegt man damit in die rechte Spur ab.

Beethovens A-Dur-Sinfonie erscheint im Spiegel der eigenen Egmont-Musik als ein großer Appell zur Völkerbefreiung. Auch, weil das Datum des Niederschriftbeginns wahrhaft historisch ist: 13. Mai 1812. Eine Woche darauf verpflichtet Napoleon die in Dresden versammelten Fürsten zur Teilnahme am Überfall auf Russland – was für eine Negation!

Ganz anders die 8. Sinfonie F-Dur op. 93. Den ersten Satz hatte ich für die Trauerfeier meiner Lieblingstante ausgewählt. Die war so wie dieser erste Satz: Trotz eines schweren Lebens immer fröhlich, mit einem Augenzwinkern und einem trockenen Humor, der uns manchmal die Sprache verschlug… Die 8. Sinfonie Beethovens ist stets als die humoristische betrachtet worden, wobei hier nichts mit platter Heiterkeit verwechselt werden darf. Und schon gar nicht mit Spassss.

In der Entstehungszeit des Werkes war Beethoven mit Johann Nepomuk Mälzel befreundet. Der Mechanikus erfand nicht nur das Metronom, ein Fortschritt, den der Komponist zu begrüßen nicht müde wurde. Als Mälzel nach England reiste, verfasste Beethoven einen vergnüglichen Kanon: „Ta ta ta ta… lieber Mälzel,/ Leben Sie wohl, sehr wohl!/ Banner der Zeit, großer Metronom!“ Dieser Kanon erscheint als Allegretto scherzando in der Sinfonie.

Zudem gesteht Beethoven allerdings das Dilemma: So sehr er die Messung der Zeit in der Musik begrüßt, so sehr verweigert er sich dieser mechanischen Ordnung in der Kunst. Und so ticken und schwelgen diese vier Sätze, zählen den Takt und brechen ihn gleichzeitig. Das Klappern des Metronoms wird durchdekliniert auf jede Art – es bleibt eben doch nur mechanisch. Im Gegensatz zu Beethovens großartigen Einfällen, damit umzugehen.

Barbara Kaiser – 20. Januar 2020

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