Kontrapunkte

David Schollmeyer im 8. St.-Marien-Sommerkonzert mit Bach und Jazz

Das muss ich jetzt auf meine Kappe nehmen und aushalten: Die Enttäuschung über das Sommerkonzert mit David Schollmeyer. Mag sein, dass es das übrige Publikum anders sah, auch ich habe für die zahlreichen Auftritten des Organisten in mehr als 15 Jahren bisher nur Superlative gehabt. Für dieses Gastspiel beim 8. St.-Marien-Sommerkonzert werde ich mich denen in der Beschreibung jedoch verweigern. Darum:

David Schollmeyer, der 48-jährige Kantor und Organist an der Großen Kirche Bremerhaven, hatte Johann Sebastian Bach und Bill Evans im Programm. Über Bach muss man nichts sagen.  Bill Evans (1929 bis 1980) war ein US-amerikanischer Jazz-Pianist, Komponist und Bandleader, einer der einflussreichsten Pianisten des Modern Jazz und stilbildend für eine ganze Musikergeneration. Stark geprägt von unter anderem dem Impressionismus Claude Debussys und Maurice Ravels implantierte Evans eine introvertierte und lyrische Note in den Jazz.

Kontrapunkte also – obwohl der Versuch, auch den großen Barockmeister zu „verjazzen“ viele erfolgreiche Versuche sah. Der Trompeter Daniel Schmahl, den Besucher der St.-Marien-Konzerte auch kennen dürften, hat das beispielsweise gemacht.

David Schollmeyer an der Orgel.

Zwei Programmblöcke also. Zuerst Johann Sebastian Bach: Toccata und Fuge d-moll (BWV 565), Präludium und Fuge c-moll (BWV 546) und drei kleinere Stücke „Jesus bleibet meine Freude“ aus der Kantate 147, Sonatina aus der Kantate 106 „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ und die Sinfonia aus Kantate 156 „Ich steht mit einem Fuß im Grabe“.

Danach sieben originale Transkriptionen für Jazz-Klavier von Bill Evans in der Orgelbearbeitung von Schollmeyer selbst, thematische Stücke zwischen „Very early“ (sehr früh), „My foolish heart“ (mein törichtes Herz) und „Waltz for Debby“.

Die Bachsche 565 folgt der groß angelegten, mehrteiligen norddeutschen Toccatenfuge, wie sie vor allem Buxtehude mit Ausdruck erfüllte. Das Stück ist ein allbekannter Favorit unter seinesgleichen – bei Schollmeyer war es eine sehr schnelle Jagd, die vor allem auf Kosten der Klarheit ging. Verschwurbelt und manchmal sogar ein wenig lieblos, wo kaum eine Fugenstimme für den Hörer nachvollziehbar blieb.

Getoppt wurde das noch mit der 546, die eigentlich nur Lärm war. Ein Klangwust, eilig abgearbeitet, als wollte es der Solist hinter sich bringen um endlich zu dem Repertoire zu kommen, das seine neue CD ausmacht: Bill Evans. Auch bei „Jesus bleibet meine Freude“ war der Organist zügig unterwegs, so gar nicht text-sinnstiftend.

Vielleicht hat David Schollmeyer in der letzten Zeit ein bisschen zu viel Jazz gespielt, wo die Synkopen über kristalline Strukturen hinweggehen, sie verwischen?  Vielleicht hätte es auch eine „schlankere“ Registrierung getan. Jedenfalls überzeugte (mich) diese Bach-Interpretation nicht. Bill Evans` Noten kamen ein wenig selbstverliebt von der Orgelempore, trafen so gar nicht ins Herz. Obwohl die thematischen Vorgaben das möglich gemacht hätten. Der Gedanke an den Impressionismus-Einfluss half da auch nicht weiter, obgleich der langsame „Walzer in b-moll“ sehr schön war, die „Romanze“ stürmisch-dissonant, das „es sei denn, du bist es“ an einen (suchenden) Flaneur, einem Schlenderer erinnerte.

Beifall gab es am Schluss natürlich trotzdem, aber er fiel nicht so stürmisch aus wie in den vorangegangenen Konzerten mit beispielsweise Swantje Vesper, Merle Hillmer oder Manuel Mischel. Dabei war die Kirche coronamäßig so gut wie ausverkauft.

Am kommenden Samstag, 5. September 2020, gehen die Sommerkonzerte mit der „Zugabe“ zu Ende. Dann spielt das Blechbläserquintett „emBRASSment“ aus Leipzig. Das wird ein fröhlicher Abschluss in diesem unsäglich-besonderen Jahr.

Barbara Kaiser – 30. August 2020

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