Klangfarbenzauberer

Göttinger Sinfonie Orchester und Hinrich Alpers beschließen den Symphonischen Ring 2020

Eigentlich ist nur wieder einmal der Kopf zu schütteln darüber, wie die Kulturorganisatoren dieses Landkreises aneinander vorbei arbeiten, anstatt ihre Kräfte zu bündeln. Da lädt die Bad Bevenser Marketing ins Kurhaus zum Konzert mit Justus Frantz. Der Kulturkreis Uelzen beschloss mit den Göttinger Sinfonikern und Hinrich Alpers die Musiksaison mit einem großen Format. Und die „Kulturbühne Altes Lichtspielhaus“ Ebstorf bot Nima Mirkhoshhal Raum für seinen Auftritt. Drei Mal Klavier. An einem Abend. Zur selben Zeit.

Das Theater an der Ilmenau war mit knapp 400 Zuhörern sehr gut besetzt. Im Kurhaus versammelten sich rund 150 Besucher, es gähnten also Lücken in den Reihen. Das Ebstorfer Forum ist kleiner, 50 Besucher kamen in den Klosterflecken. – Was soll man zu so viel Parallelität sagen?

Ich hatte mich entschlossen, der Einladung von Nima Mirkhoshhal zu folgen, der ja im Mai auch Solist im Kammerorchester-Jahreskonzert sein wird. Davor habe ich noch die Generalprobe für den letzten Symphonischen Ring in dieser Saison besucht – ehe das Theater für eine lange Zeit geschlossen wird. Im Jubiläumsjahr der Stadt! Auch so ein No-go.

Der Göttinger Klangkörper hat ja seit eineinhalb Jahren mit Nicholas Milton einen neuen Chefdirigenten. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass der die sehr großen Fußstapfen, die Christoph Mueller hinterließ, von Beginn an auszufüllen wusste.
Beim Gastspiel in Uelzen standen Webers „Freischütz“-Ouvertüre, Mendelsohn-Bartholdys Symphonie Nr. 3 a-moll op. 56 (die Schottische) und das Klavierkonzert Nr. 2 g-moll op. 22 von Camille Saint-Saëns auf dem Programmzettel.

Nicholas Milton hält seine Musiker mit seiner Motivierungsgabe, Stringenz und Charme an der musterhaft zügelnden Leine. Mal kurz, mal länger. So ist die Weber-Ouvertüre atmosphärisch dicht. Zwischen Waldesruh – mit blitzsauberen Hörnern – und dem Jäger-Max-Dilemma voller Dramatik. Dessen Bravourarie ist ja ein Hauptmotiv der Ouvertüre.
Die kommt energisch von der Bühne, opulent, in ganz frischer Romantik. Das Orchester opfert die aussagekräftige Musik niemals einem pastosen Klangbrei. Milton dazwischen als ein Bündel an Genauigkeit und Vitalität, der Kulminationen haarscharf auf den Punkt bringt. Der Mann am Pult fasst nach Schluss noch einmal nach beim Hörner-Waldfrieden und bei Maxens Verzweiflung, danach ist er zufrieden.

Im Anschluss der Solist des Abends: Hinrich Alpers. Man hört nach den ersten Tönen, wie dicht beieinander Pianist und Orchester sind. Das Konzert hat einen insgesamt großen Klavierpart, das Orchester wird jedoch an keiner Stelle degradiert, sondern als verlässlicher Partner geschätzt. Diese drei Sätze, Andante sostenuto – Allegro scherzando – Presto (mit einer rasanten Tarantella am Ende), sind zauberhaft französisch leicht, elegant perlend wie Champagner. Alpers forciert an den richtigen Stellen laut, niemals plump, in angemessenen Tempi, die atemberaubend daherkommen. Es gibt zarte Flächen und starke Gefühle. Das ganze Werk ist klangsinnlich, ausdrucksstark und in verspielter Neugier aufregend.

Saint-Saëns schrieb es im Jahr 1868 für den russischen Pianisten Anton Rubinstein, der sich mit der Uraufführung in Paris vorzustellen gedachte. Als Dirigent allerdings! Ob er, wäre er der Pianist gewesen, den Komponisten auch gefragt hätte – wie er es bei Tschaikowsky und dessen 1. Klavierkonzert b-moll tat – wer um alles in der Welt das spielen können solle?
Dieses 2. Klavierkonzert von Saint-Saëns macht einen ungeheuren Effekt! Und die Frage kann am Ende nur wieder einmal sein, wie es Hinrich Alpers macht, dass sein Anschlag auch im Forte und Prestissimo nie brachial, sondern sehr, sehr kultiviert bleibt. Auch in der größten Lautstärke bleibt er beschwingt, locker und unaufgeregt.

Für den viersätzigen Mendelssohn-Bartholdy fehlte den Göttingern in der Generalprobe wohl die Lust. Zum Beruhigen spielten sie Mozarts „Figaro“-Ouvertüre und – gingen in die Pause.
Ohne die eigentliche Aufführung gesehen zu haben behaupte ich an dieser Stelle: Es war eine Stunde der großen Sinfonik, eines brillanten Spiels, das man nur genussvoll hat inhalieren konnte!
Barbara Kaiser – 08. März 2020

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