Klänge auf Zehenspitzen

Das Duo Marais Consort hatte im Medinger Klosterkonzert einen leisen Auftritt

Manche nennen die Musik mit diesen Instrumenten, obendrein nachempfunden der Aufführungspraxis ihrer Entstehungszeit, also vor 400 Jahren, hoffnungslos anachronistisch und rückwärtsgewandt. Denn was wüssten wir schon aus der Zeit Shakespeares – wir wissen ja nicht einmal, ob der Dichter der war, den wir meinen – und Elisabeth I.? Oder Oliver Cromwell und dessen Versuch, aus England eine Republik zu machen?

Medingen Marais Consort Hans-Georg KramerHans-Georg Kramer wird fast ungehalten, als er mit dieser Tatsache konfrontiert wird und die Frage gestellt bekommt, warum er ausgerechnet diese Musik wählte für sein Musikerleben! „Wir wissen viel!“, ruft er aus. „Die Leute wissen nichts. Und: weil die Musik herrlich ist, großartig! Es kommen nicht umsonst Hunderttausende zu den Festivals.“ – Die Zahl mag der Erregung geschuldet sein, denn sie ist natürlich übertrieben. Alte Musik, wie sie verkürzt genannt wird, ist und bleibt Geschmackssache und ist keine Ware für ein Massenpublikum.

Weil eben nach dem Polychord und Psalterium, aus denen das Spinett, das Cembalo und auch das Virginal, das Ingelore Schubert an diesem Abend überzeugend zu spielen wusste, noch das Klavier kam. Und die Komponisten Beethoven und Liszt, deren Bravour überwältigt. Deren Noten Tiger sind und keine Bettvorleger – wie die genannten Tastenzupfinstrumente.

Es fand sich dennoch ein reichliches Dutzend Zuschauer an diesem Vorabend des zweiten Advent, das sich für den schon dritten Auftritt des Duos – der letzte datiert von 2005 - interessierte. Die Medinger Klosterkirche war geschmückt in der Zeit der Erwartung mit wunderbar blühenden Amaryllis. Stimmungsvolle Kerzen im Vorraum.

Ingelore Schubert am Virginal und Hans-Georg Kramer mit der Viola da Gamba enttäuschten ihre Zuhörer nicht, auch wenn die Noten und ihre Akustik nicht jedermanns Sache sein mögen. Sie bleiben etwas für Liebhaber, und die Namen der Komponisten aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind wenig geläufig. Dass jedoch damals bereits musikalisch Interessantes entstand, ist nicht zu bestreiten. Das demonstrierten Schubert und Kramer auf eindrucksvoll-lockere Weise. Sie agierten aufmerksam und hellhörig miteinander, mit handfesten Konturen und lyrisch intensiv. Nur manchmal wollte sich das Virginal zu energisch profilieren.

Medingen Marais Consort PublikumsinteresseIngelore Schubert und Hans-Georg Kramer, die seit 1978 auf diese Art zusammen spielen, loteten die Werke in ihrem Klang aus und füllten ihrem Publikum die eine oder andere Wissenslücke über die Komponisten. Benannt hat sich das Ensemble nach Marin Marais (1656 bis 1728). Er war der musikalische Superstar am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV.

Die Noten tändeln zwischen Heiterkeit und Schwermut, zwischen traurig verwirrenden Klängen (von Tobias Hume, gestorben 1645 im Irrenhaus) und perlenden Presto-Läufen. Eingedenk der Tatsache, dass das Virginal ein Instrument ist, bei dem die Saiten angerissen werden und nicht mit Hämmern geschlagen, kann die Behändigkeit der Solistin bei der Interpretation von William Byrds „The Bells“ nur bewundert werden. Die Suite Nr. 4 in E von Matthew Locke, Zeitgenosse Cromwells, der Musikdramen auf dem Theater weiterhin zuließ und nicht der Schlächter war, den manche in ihm sehen wollen, besitzt bereits die verschiedenen Tänze, wie sie sich später bei Bach oder im Französischen festigen: Pavan – Alemand – Courante – Saraband – Jigg (auch wenn wir dann Gigue schreiben werden). Hierbei war Hans-Georg Kramer flott auf der Viola da Gamba unterwegs.

Wie gesagt: Es war ein Konzertabend für Liebhaber. Altäbtissin Monika von Kleist bemerkte in der Pause: Ich kann da so schön meine Gedanken schweifen lassen. – Vor allen Dingen konnte man zur Ruhe kommen. Und das ist in der Adventszeit des 21. Jahrhunderts schon eine Menge wert!

Barbara Kaiser - 6. Dezember 2015

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