Kitschkram hin oder her

Das Jahrmarkttheater schreibt die „Erfindung der Liebe“ fort

Manchmal denkt man ja, (Liebes)Glück sei von Dauer. Dabei ist es, und auch nur, wenn hart daran gearbeitet wird, vielleicht wiederholbarer Moment. Robert, der spirituelle Liebesexperte und Vondra, die Rastlose, Sehnsüchtige, wissen das. Und deshalb können sie nicht in ihrer Zeit ausharren und nur zusehen, wie Lisa und Daniel in der rosaroten Wolke zu versinken drohen. „Ich will sie warnen, dass sie aufpassen auf die zerbrechliche Liebe!“, beschwört Vondra die Hochzeitsgesellschaft aus dem Sommer. Denn damals waren Tobi und Alina selber verliebt und sehr unbekümmert. Jetzt sitzen sie in ihrer Welt auf dem Sofa und beobachten das neue junge Paar mit Sorge….

Mit einer Reprise beginnt die Fortsetzung von „Der schönste Tag“, der ein Abend aus Rollenspiel, Revue und Klamauk war. Das Jahrmarkttheater um Thomas Matschoß und Anja Imig schüttete für seine zehnte Openair-Sommersaison die große, bunte Wundertüte zum Thema vor uns aus, aufgekratzt unromantisch, mit choreografischer Rasanz.

Fotos: Barbara Kaiser

„Es ist, was es ist, sagt die Liebe“ bei Erich Fried. Aber was ist es nun wirklich? Unsinn, Unglück oder Glück? Schmerz oder Lust? Lächerlich, leichtsinnig und unmöglich? Vielleicht trifft es der Dichter Heinz Kahlau: „Wir sind die Engel mit dem einen Flügel./Wir gehen in der Welt umher und suchen./ Wir müssen unseren zweiten Engel finden:/ Wir haben Sehnsucht, denn wir wollen fliegen.“

Nun schreibt Matschoß die Geschichte weiter. Oder neu. Und man mag an Heinrich Heine denken: „Ein Jüngling liebt ein Mädchen, das hat einen andern erwählt….“
Lisa und Daniel hatten sich auf der Hochzeitsfeier von Tobi und Alina nur gesehen. Nur Blicke. „Mehr war nicht“, beteuert Lisa. „Aber muss man denn reden, wenn man liebt?“ An dieser Stelle gibt es für die Erinnerung ein zauberhaftes Video-Einspiel (Bert Brüggemann).
Dann geht es los! Lisa und Daniel treffen aufeinander und der Himmel explodiert! „Wir haben alles gefunden, was wir uns vom Leben wünschen können!“ Natürlich weiß der Zuschauer, dass es so einfach nicht ist. Im Leben nicht und mit der Liebe schon gar nicht. Deshalb bekommen Lisa und Daniel die Zeitreisenden Robert und Vondra an die Seite gestellt.

Was Tahere Nikkhoyemehrdad (Vondra), Sina Schulz (Lisa), Thomas Matschoß (Robert) und Martin Geisler (Daniel) nun zwei Stunden lang in Szene setzen (Regie: Andrea Hingst, Ausstattung: Anja Imig), lässt wirklich kein Klischee aus. Aber auch die Nachdenklichkeit nicht – und das macht diese Fortsetzung der Liebeserfindung zart, fröhlich, ansehenswert.

Da wird nicht der Belehrungshammer geschwungen, wenn Daniel mit rebellischer Energie gegen schwachsinnige TV-Talkshows als „die tägliche Überdosis Emotions“ wettert. Seine Lisa macht gerade Karriere damit – hat sie Daniel vergessen? Und Vondra sehnt sich ohne jeden falschen Ton nach Nähe und Zweisamkeit. Narrenweise ist dieser Robert, der weiß, dass Liebe „long life working“ – lebenslange Arbeit – ist. Und am Ende soll sich auch für Lisa herausstellen, dass Erfolg und Bekanntsein nicht alles sind….

Sina Schulze und Martin Geisler.

Das neue Stück ist wieder eine quirlig-wendige Parade der Verrücktheiten und Verstiegenheit und dennoch nah am Leben eines jeden Zuschauers. Weil der Wiedererkennungswert ein ganz beachtlicher ist! Der Theaterabend ist eine paradox-unglaubliche aber ambitionierte Vermessung dieses Gefühls, das keiner erklären kann - der Liebe. Die die klügsten Männer zu Narren macht und die zickigsten Weiber zur Sanftheit erzieht. Die Weltliteratur ist voll davon.

Am Ende erwarten im Bostelwiebecker Theaterhaus die Akteure mehr Fragen als Antworten, die befürchten lassen, dass das Leben bis jetzt nicht in den gewünschten Bahnen lief. Weil die Liebe nicht erfunden werden kann, sie schon immer da war. „Sonst wären wir gar nicht auf der Welt!“ Und Zeit zum Spurwechsel ist doch immer! Trotzdem bleibt der Erhalt dieses Gefühls stetige Arbeit, Suche nach dem manchmal unwahrscheinlichen zweiten Flügel eben (siehe oben). Obwohl wir das alles wissen, war es gut und unterhaltsam, dass es die Komödianten des Jahrmarkttheaters noch einmal erörtert haben.

Die Wochenend-Aufführungen sind übrigens im Dezember restlos ausverkauft! Es gibt Zusatzvorstellungen an den Donnerstagen, 7. und 14. Dezember 2017 und 2018 an den Freitagen/Samstagen, 12./13. und 19./20. Januar. Jeweils 19.30 Uhr. Kartentelefon: 05807/979971 oder karten@jahrmarkttheater.de
Barbara Kaiser – 24. November 2017

 

 

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