Kirchenasyl

Hinrich Alpers beginnt Winterkonzertreihe in St. Marien

Es fiel auf, dass Hinrich Alpers zur Begrüßung und während seiner Moderation mindestens drei Mal sagte, dass er sich „sehr, sehr“ freue, das Publikum begrüßen zu können und „dass wir diese Winterkonzerte überhaupt machen dürfen“.

Aber die Menschen hungern ja nach Kultur – nach Musik, nach Kunst, nach Theater. Der Chef der Rockgruppe „Karat“, Claudius Dreilich, sagte nach einem begeisternden Konzert in Thüringen, dass die Leute wohl „ausgemergelt“, ja, er benutzte wirklich dieses seltene Wort, seien. „Sie haben extreme Sehnsucht“. Das stimmt. Die Normalität ist noch lange nicht wieder eingezogen und es kann noch dauern, bis wir uns ohne Auflagen, ohne Mundschutz und Desinfektionsmittel und ohne Personenzahlbeschränkung begegnen dürfen.

Umso erfreulicher, dass sich Menschen mühen, eigentlich Unmögliches möglich zu machen. Ein Dank in diesem Zusammenhang an die St.-Marien-Gemeinde Uelzen, die nun die Hauptkirche der Stadt auch für die Winterkonzertreihe des Pianisten Hinrich Alpers öffnete.

Auf dem Programm standen die Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36 von Ludwig van Beethoven in der Klaviertranskription von Franz Liszt und die  Sonate B-Dur von Franz Schubert.

Die Beethoven-Sinfonie ist in der Dopplung der Komponisten ein Hybride aus Klassik und Romantik, obgleich ich selber den Franz Liszt lieber noch bei der Klassik verorte mit seinem Prometheus`schen Tastendonner und dem Selbstbewusstsein, dem großen Beethoven ein Denkmal setzen zu wollen, indem er dessen Sinfonien als Klaviersätze erschuf. Nicht als nachgespielte Motivreihung, sondern als selbständiges Werk auf der Grundlage der Beethovenpartitur.

Und genau das hört man dem Spiel, der Interpretation von Hinrich Alpers an. Während sich im Orchester die Last aller temporalen und rhythmischen Vorgaben der Partitur auf viele Schultern, respektive Instrumente, verteilt, schafft der Flügel seine eigene Realität. Mit zwei Händen, auf 88 Tasten. Alles läuft am Ende auf einen Interpreten zu, nicht auf 40 oder 50 plus Dirigent.

Beethovens Zweiter würde niemals das Schicksal widerfahren sein, in nicht zu rechtfertigender Weise im Schatten ihrer anderen Schwestern zu stehen, hätte ihr Schöpfer sich entschließen können, das ihr immanente „Programm“ den Zeitgenossen mitzuteilen. Aber „nur“ als Musik genommen, fällt diese Sinfonie scheinbar hinter Beethovens eigenen Anspruch zurück, ja, scheint eine erstaunliche Abhängigkeit von Mozart vorzuliegen.

Zieht man jedoch die Möglichkeit in Betracht, dass die zweite Sinfonie eine „Opern-Sinfonie“ sein könnte, erschlössen sich die Bezüge zu vor allem einem Werk: Der „Zauberflöte“. Es gibt nahezu 60 Anklänge zu ihr. Beethoven schuf seine Sinfonie im Sommer 1802. Das war der Sommer des erschütternden biografischen Dokuments, des „Heiligenstädter Testaments“ – die Musik aber ist ein einziges Dementi auf diese schwere Lebenskrise, in der sich Beethoven befand.  Die vier Sätze sind Satzpaare: Tamino und Pamina, Papageno und Papagena. Und so ist die Sinfonie auch ein Hoch auf die Liebe.

Alpers spielte das Werk in konsequenter Geduld und Gelöstheit. Er unterstrich das traurige Retardieren im Allegro des ersten Satzes, ehe sich alles in helle Glücksmomente, Momente des Übermuts, kehrt und im tosenden Fortissimo endet. Der zweite Satz (Larghetto) kommt edel daher, besänftigt Dramatisches schnell. Ein quirliges Scherzo in Satz drei bereitet den Jubel des vierten Satzes vor. Auch die Einwürfe des ruppigen Motivs vom Anfang können ihn am Ende nicht aufhalten. Der Interpret gab das alles zu bedenken, er wurde an keiner Stelle Opfer des Kraftmusizierens. Das Publikum konnte sich dem Tone unterwerfen, der uns doch so lange gefehlt hat.

Danach die letzte Klaviersonate von Franz Schubert, entstanden im September 1828 zwei Monate vor seinem Tod, uraufgeführt erst zehn Jahre danach. Sie ist eine der drei letzten des Komponisten – wie auch Beethoven seine drei letzten hatte (op. 109, 110, 111), die manchen Zuhörer heute ratlos zurücklassen, weil sich der Tonsetzer an keine Konventionen mehr anschmiegen musste.

Schuberts Sonaten entstanden in der bewusst absoluten Unabhängigkeit von Beethoven. Obwohl Schubert den Kollegen hoch verehrte, strebte er nach Eigenem. Die letzte Sonate des so kurzen Musikerlebens ist eine Art Zusammenfassung. Ihr träumerischer Ausdruck ist nichts für Tastenlöwen, ihre Anforderungen an Klangkultur und Leuchtkraft, an die Behutsamkeit der Nuancierung jedes Tons erfordern den erfahrenen, sinnlich begabten und ausdrucksstarken Pianisten. Die vier Sätze, die dramatischer Kontraste entbehren und nicht mehr Ort der Auseinandersetzung sind, stellen eine Vollendung dar, eine Schönheit, die sich nur erschließt, wenn sie genauso vollendet interpretiert werden.

Bei Hinrich Alpers waren die Noten in guten Händen. Er beherrschte das episch weite Molto moderato des Beginns, dieses beharrende Motiv, das immer wieder unterbrochen wird durch ein leises Donnergrollen – Schuberts Schicksalsmotiv? Der zweite Satz, Andante, ist eine Art Trauermarsch wie der in Beethovens dritter Sinfonie: Am Herzen zerrend. Alpers spielte mit dem Mut zur Langsamkeit. Das folgende Scherzo kam dann auf Ballerinaspitzen, als Pas de deux visualisiert vorstellbar, ehe der vierte Satz in wohldosiertem Pathos das Werk energisch vollendete.

Der Solist spielte das erstaunliche Mammutwerk, das kräftige und feine Farben vereint, in fesselnder Emphase, sodass es nie leer und äußerlich erschien. Er unterstrich die leise Zartheit, die melancholischen Klänge mit viel Zeit als musikalische Signatur und bewies erneut sein eigenes künstlerisches Verantwortungsbewusstsein, das sich auf technische Präzision und Klarheit der Werkerfassung gründet.

Am Ende gab es langen Beifall von einem dankbaren Publikum und als Zugabe die Bagatelle B-Dur op. 119 Nr. 11. Das nächste Winterkonzert steht am Samstag, 28. November 2020, um 17 Uhr auf dem Programm. Wahrscheinlich wieder in St. Marien.

1 Antwort

  1. Sehr geehrte Frau Kaiser, mit großer Freude habe ich wieder einmal eine Ihrer Rezensionen lesen können. Ich fand sie erneut haargenau treffend, Hinrich Alpers' Vorstellung explizit dargestellt und nachvollziehbar. Danke dafür! Freundliche Grüße, Renate Gollub

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