Kammermusikalischer Taifun

Das junge Hannoveraner Kestner-Trio gastierte im Ratssaal Uelzen

Gerade einmal 19 Jahre alt ist jedes Mitglied im Kestner-Trio Hannover; obendrein fanden sich die drei Musiker erst vor Jahresfrist zusammen. Was sie jedoch für eine instrumentale Glut im Uelzener Ratssaal zu entfachen wussten, verdient allerhöchstes Lob!

Mit rund 75 Besuchern war das Konzert am frühen Abend des Sonntags sehr gut besucht. Keiner der Gäste hatte sein Kommen zu bereuen. Das Publikum erlebte mit Amelie Gehweiler eine Geigerin, die eilfertig, beredt und voller Schwung ihren Part ablieferte, mit Tim Posner einen Cellisten, der das Feuer dieser musikalischen Begegnung klug dosierte und das Spiel verlässlich grundierte und mit Alexander Vorontsov einen Pianisten, der großartig unerschrocken, ebenso kraftvoll wie lyrisch zärtlich seine Noten gestaltete.

Es ist davon auszugehen, dass der Namensgeber dieses kammermusikalischen Ensembles der Hannoveraner Sohn August Kestner ist. Der Sohn von Johann Christian Kestner und seiner Frau Charlotte. Goethes Lotte! August Kestner war Jurist und Diplomat genauso wie er sich als Autor, Archäologe und Zeichner betätigte. Und ein Quäntchen von all diesen Fähigkeiten gaben die Trio-Spieler ihrer Musik bei: Akkuratesse, Weltläufigkeit, Verspieltheit, Neugier und Fantasie.

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Fotos: Barbara Kaiser

Zum Auftakt erklang das Klaviertrio in C-Dur, Hob. XV: 27 von Joseph Haydn. Voller Übermut das Klavier (am Anfang vielleicht ein wenig zu prominent, wahrscheinlich erschrockenes Resultat aus dem technischen Stolperer), in sonorem Sound die Streicher. So dargeboten, kann man den Komponisten neu lieben lernen – er muss ein Schelm gewesen sein. Denn wie er hier den Reichtum der eleganten Figuren und die effektvolle Melodik sortierte, zwischen Dur-Sechsachtel-Idylle und Moll-Dramatik (2. Satz) wechselt, um witzig und temperamentvoll zum Finale zu kommen, das war in der Interpretation des Trios zauberhafte Überraschung eines wie neu Hörens. Punktgenaue, schöne Ritardando-Passagen  bewiesen, wie homogen das Musizieren funktioniert.

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Danach ein 100-Jahre-Sprung zu Claude Debussy und dessen Klaviertrio G-Dur. Das lange verschollene Werk schrieb der Komponist mit 18 Jahren, als er Lehrer bei Madame von Meck war. Sie wissen schon, die platonische Geliebte von Tschaikowski!
Hier ranken und weben die Instrumente an den Klängen, wetteifern miteinander, nie jedoch mit einem Anspruch auf ein imaginäres Siegerpodest. Ein sehnendes „Allegro appassionato“, dessen Crescendo Wohlfühlschauer über den Rücken jagt. Pizzicato im zweiten Satz, dazu ein Klavier auf Zehenspitzen. Cello-Schwärmen, in das die Violine einstimmt. Ein süßes Legato, jedoch ohne Sentimentalität und ein insistierendes Finale, das sinfonisches Format zu entwickeln in der Lage war.

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Nach der Pause erklang das Klaviertrio Nr. 2 c-moll op. 66 von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Noch einmal Instrumentalisten-Hochform, die durch das gefühlige, aber lichte Pathos die Klangbögen spannt, das melodische Geflecht zum Leuchten brachte, dabei die Grenzen zum Klangkitsch doch nicht schrammte. Keiner der drei Solisten setzte auf einen Effekt für sich allein. Vorontsov adelte mit seinem exquisiten Anschlag das schwermütige Andante in Satz zwei, mit fehlerfreiem Handwerk sekundieren Violine und Violoncello. In bestechender Klarheit Amelie Gehweiler, zwischen Aufladung und Askese Tim Posner.

Fazit: Diesen jungen Leuten lag der „Papa Haydn“ genauso wie der 18-jährige Debussy. Die großen Gefühle des Romantikers Mendelssohn denunzierten sie nicht. Immer hatten sie in ihrem Spiel Platz für lockeren Charme und Witz. Es war ein Drive, der die Noten frisch durchpustete und mit sichtbarer Spielfreude vors Ohr der Zuhörer stellte.
Barbara Kaiser – 16. Februar 2015

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