Jabelmann war kein Openair-Veranstalter!

Zur aktuellen Ausstellung im Schloss Holdenstedt

Auf dem Mitarbeitergruppenfoto der Firma Wilhelm Hennecke aus dem Jahr 1958 posiert vorn ein Jungen, der in einem Flugzeug sitzt. In einem, das später auf einem Kinderkarussell seine Runden fliegen wird. Der Kleine ist vielleicht acht Jahre alt – was wohl aus ihm geworden ist?

Es ist eine sehr interessante und ansprechend präsentierte Ausstellung, die im Schloss Holdenstedt am Wochenende eröffnete: Unter dem Titel „Mehr als Zucker, Ziegel & Motoren. Industriegeschichte der Stadt Uelzen“ präsentiert sie ganz viel von dem, was die Hansestadt Uelzen zu dem machte, was sie ist. Trotz aller Kritik an fataler Kurzsichtigkeit und Fehlentscheidungen – Uelzen ist eine prosperierende Stadt. Man blicke nur in die Gewerbegebiete. - Wie das alles anfing und sich entwickelte, darüber erzählt die Schau. Sie ist bis Ende Oktober 2018 zu sehen und sei jeder Schulklasse empfohlen!

Trotz des schönen Sommerwetters war der ovale Saal mit Besuchern voll besetzt. „Damit unterstreichen Sie Ihr Interesse am Ausstellungskonzept des Vereins“, mutmaßte dessen Vorsitzender Otto Lukat. Der in seinen Begrüßungsworten die Gelegenheit nicht vorübergehen ließ, für den angedacht neuen Museumsstandort (alte Sparkasse Bahnhofstraße) zu werben. Seine Darlegungen klangen allesamt logisch.

Fotos: Barbara Kaiser

Im Grußwort für die Stadt brachte der stellvertretende Bürgermeister Markus Hannemann (CDU) auf eine Formel, was die Ausstellung offenbart: Man habe hier einen „wegweisenden Abschnitt der Stadtgeschichte sichtbar und erlebbar gemacht“, zeigte er sich überzeugt. Und weil Hannemann zur jüngeren Generation gehört, kam er auch auf die Idee: „Jabelmann ist nicht nur Openair!“ Und genau um das zu vermitteln, wäre eine Unterrichtsstunde im Museum eine sehr erkenntnisgewinnbringende Angelegenheit.

Es sind nur vier Räume, die in der bewährten Weise sehr klar gegliedert, übersichtlich und mit kurzen, klugen Texten ausgestattet wurden. Sie erzählen mit Dokumenten, Fotos und Gegenständen zunächst von den Voraussetzungen zur Industrialisierung, nämlich den Infrastrukturmaßnahmen in der Mitte des 19. Jahrhunderts (Eisenbahnbau). Die ersten Ansiedlungen folgten, ab 1860 erlebte Uelzen eine ungeheuer intensive Phase: 1864: Bierbrauerei, 1872: Dachpappenfabrik Hasse&Sohn, 1878: Asbest- und Kieselgurwerk, 1883: Zuckerfabrik, Uelzener Maschinenfabrik Otto Raake – die übrigens in den 1920er Jahren Motorräder bauten! 1899: Landmaschinenhandel Jabelmann (Söhne), 1908: Elektrizitätswerk.

Auch nach den zwei Weltkriegen ging die Ansiedlung weiter. So kam die Konservenfabrik Nowka 1945 aus Lübbenau im Spreewald; wohl wegen der vermeintlichen Gefahr, die eine sowjetische Besetzung mit sich bringen würde. (Propaganda treibt eben tiefe Wurzeln!) Im Jahr 1952 gründete sich Uelzena – die frühere Molkerei Uelzen hatte auch Eis produziert. Dafür gab es ab 1981 die Firma Schöller.
Die Aufzählung ist nicht vollständig. Dennoch erweist sich das Museum wieder einmal auf eine sehr anschauliche Weise als das Gedächtnis der Stadt, sei auch „ein Identifikationsangebot an die Bürger“, wie es Museumsleiter Dr. Ulrich Brohm klar formulierte, ehe er allen Sponsoren, Leihgebern und Mitarbeitern dankte.

Museumsleiter Dr. Ulrich Brohm

Am Schluss sprach Ausstellungs-Mitkurator Tilman Grottian (M.A.). Wenn der Historiker redet, tut er das immer auf eine bemerkenswert übersichtliche, anschauliche und bedenkenswerte Weise. Diesmal erzählte er zunächst vom Uelzener Tuchfabrikanten Wedde, der vor 200 Jahren Ärger mit dem Färberamt (Innung) bekam, weil er nicht mehr nur Wolle verarbeitete, sondern auch Leinen, das er obendrein selber färbte. Die Zunftordnung erwies sich – sicherlich nicht nur in diesem Beispiel – als zu eng und als ein Hindernis. Erst im Jahr 1867 wurde die Gewerbefreiheit eingeführt. Und innerhalb weniger Jahrzehnte wuchsen in Uelzen die Strukturen, wie wir sie bis heute kennen.

Ausstellungs-Mitkurator Tilman Grottian (M.A.)

Aus der Vielzahl der Betriebe manifestierten sich drei industrielle Bereiche: Die Nahrungsmittelverarbeitung, die Baustoffproduktion und der Maschinenbau. Wobei, so Grottian, bemerkenswert bleibt, dass die Firmen mit dem Hinterland – der Landwirtschaft – verbunden bleiben.

Der Blick auf die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart macht klar, dass die Stadt Uelzen auf Wirtschaftswachstum setzte und setzt. „Mit allen Auswirkungen, die das auf Gesellschaft und Umwelt hat“, so der Redner mahnend. „Wenn wirtschaftliche Entwicklung den gesellschaftlichen Fortschritt befördern soll, ohne die natürlichen Ressourcen zu vernichten, muss auch weiterhin bürgerschaftliches Engagement notwendig sein. Daran sollten wir arbeiten“, so Grottian.

Genau solche Redepassagen machen die Beiträge des studierten Ethnologen und Sozial- und Wirtschaftshistorikers immer so anders. Durch die Nachdenklichkeit, mit der Grottian wertet und einordnet, werden seine Reden solche mit Alleinstellungsmerkmalen, die bisher Zierde jeder Ausstellungseröffnung waren.

Sie sei also wärmstens empfohlen, die Exposition zum industriellen Aufschwung in dieser Stadt. Ein kleines Gedenken sei allen den Firmen zugedacht, die es nicht bis in die Gegenwart – also durch die letzten 120 Jahre – geschafft haben…
Geöffnet ist im Schloss donnerstags bis samstags 14.30 bis 17 Uhr und sonn- und feiertags 11 bis 17 Uhr.
Barbara Kaiser – 2. Juli 2018

Fotonachweis: ©Barbara Kaiser

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