Irrungen und Wirrungen

Das Jahrmarkttheater erfindet in seiner zehnten Saison die Liebe

„Es ist was es ist sagt die Liebe“ bei Erich Fried. Aber was ist es nun wirklich? Unsinn, Unglück oder Glück? Schmerz oder Lust? Lächerlich, leichtsinnig und unmöglich? Vielleicht trifft es der Dichter Heinz Kahlau: „Wir sind die Engel mit dem einen Flügel./Wir gehen in der Welt umher und suchen./ Wir müssen unseren zweiten Engel finden:/ Wir haben Sehnsucht, denn wir wollen fliegen.“

Das Jahrmarkttheater hat in Wettenbostel seine zehnte Openair-Saison eröffnet und verspricht den schönsten Tag oder „Die Erfindung der Liebe“. Teil eins! Die Fortsetzung gibt es im November im kuscheligen Haus in Bostelwiebeck.

Theaterleiter Thomas Matschoß hat das Stück geschrieben, Regie geführt und sich tief vor Shakespeare verbeugt. Kein Wunder, war der Auftakt des Erfolgs Jahrmarkttheater doch dessen „Was ihr wollt“ Ein bisschen Goethe ist aber auch dabei. Und viel Lebensweisheit und erneut der Anspruch, Geschichten zu erzählen.

„Der schönste Tag“ ist ein Abend aus Rollenspiel, Revue und manchmal ein bisschen viel Klamauk. Matschoß schüttet die große bunte Wundertüte zum Thema vor uns aus, aufgekratzt unromantisch, mit choreografischer Rasanz.

Und so geht`s: Tobi und Alina (jung, verliebt und unbekümmert: Siine Behrens und Mike Schlünzen) sind frisch getraut und alle finden sich an der Hochzeitstafel ein, wo die Reden des Brautvaters und der Bräutigammutter anstehen. Vorher muss aber die Aufstellung zum Gruppenbild sein, Publikum inklusive.

Nein, halt! Am Anfang steht eine Wette. Die Göttin Bertha (überhaupt nicht gottähnlich, aber sehr pragmatisch: Ingrit Dose) will die Liebe erfinden. Weil es nötig ist in diesen Zeiten und weil sie und ihr männliches Pendant sich seit der Erschaffung der Welt ein wenig langweilen. Sie wettet also (ein Gruß von Goethes Prolog im Himmel), dass sie es schafft, wofür sie dann 1000 Jahre lang das Regime führen darf. Dann geht`s wirklich los - nicht ohne die Referenz an den großen William: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frau`n und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.“

Wie sich dieser vermeintlich schönste Tag entwickelt, muss man nicht beschreiben. Störfälle sind vorprogrammiert, wenn sich der Vater des Bräutigams nach fast 30 Jahren seiner Familie besinnt, ein Jugendschwarm des jungen Ehemannes unter den Cateringkräften wirkt und ein Ex-Lover der Braut seine Frau nun doch verlassen will. Hier kann man nur Heinrich Heine zitieren: „Es ist eine alte Geschichte, doch ist sie immer neu….“ Weil sie immer jemandem anderen passiert. Weil der Schmerz immer stark bleibt. Weil Erfahrung nicht hilft.

Das alles machen Tobi und Alina durch. Dazwischen ringt Göttin Bertha um die Liebe und zu vertuschen gibt es auch noch was.

Thomas Matschoß erzählt die Geschichte und lässt gleichzeitig Geschehen Revue passieren. Unterweisung als Unterhaltung, aber der Witz ist nicht nur Spaß. Für jede Figur erfand der Autor eine Kontur aus Charakter und Maske. Die Darsteller setzen das so um, dass wir Zuschauer diese Leute zu kennen meinen. Anja Imig hat mit ihrer Ausstattung das Nötige dazugetan - alle in Hochzeitsrobe. Die Brautjungfern in Orange, der aufgedrehte und selber verliebte Freund von Tobi in Pink. Das Brautpaar selbstverständlich in Weiß.

Die Aufführung ist eine kurzweilige und rhythmisierte Inszenierung (Dramaturgie: Andrea Hingst, musikalische Leitung: Markus Voigt) und vor allem die Stunde der Komödianten. Obgleich die Hommage an die Verwechslungskapriolen aus dem „Sommernachtstraum“ für meine Begriffe zu albern geriet. Aber es gibt kein großes Federlesen mit Gefühlen welcher Art auch immer, alles bleibt genussvolle Clownerie. Und falsche Sentimentalität wird entschlossen zurückgenommen. So bleibt es ein Theater aus Gaukelspaß und maßvoller Belehrung. Ein veritables Feuerwerk der Einfälle und auch der Doppelbödigkeit.

Und wenn am Ende Dörthe Breidenbach unvergleichlich zärtlich das Abschlusslied gesungen hat, breitet sich ein Lächeln auf allen Gesichtern. Dann weiß man plötzlich die Verse von Mascha Kaléko: „Man braucht nur eine Insel/ Allein im weiten Meer./ Man braucht nur einen Menschen/ den aber braucht man sehr.“ Und - der größte Skeptiker muss an die Liebe glauben. An die Menschen vielleicht auch.

Noch bis zum 27. August 2017 steht „Der schönste Tag“  freitags, samstags und sonntags auf dem Programm. Weil alle Veranstaltungen bereits ausverkauft sind, gibt es drei Zusatzvorstellungen: Am Donnerstag, 17. August und am Mittwoch/Donnerstag, 23. und 24. August. Immer 19.30 Uhr. Kartentelefon: 05807/979971 oder karten@jahrmarkttheater.de

Homepage: www.jahrmarkttheater.de

Barbara Kaiser – 27. Juli 2017

Fotos: Barbara Kaiser

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