Im Selbstversuch

Ein Stadionbesuch in Coronazeiten ist eigentlich nicht lustig

Im April dieses Jahres, mitten im dicksten Lockdown, hatte ich an dieser Stelle über Fußball sinniert. Den hochbezahlte  Profifußball wohlgemerkt. Nein, systemrelevant ist dieser Sport  nicht, obgleich es Leute gibt, die ihn dafür halten. Deshalb sahen es andere Ligen viel eher ein und brachen vor einem halben Jahr die Saison ab. Die Eishockey-Spieler, die Volleyballer und die Handball-Bundesliga taten das ohne großes Wehklagen, dafür aber mit einem Sinn für die Realität. Weil sie ohne ihre Fans nicht spielen mochten, sich ihnen weiterhin verbunden fühlen wollten und eine leere Halle sie eher frustrierte.

Bei Fußballern dauern derlei Einsichten länger, sind eigentlich nie angekommen. Unterstützung bekamen sie damals seltsamerweise von Politikern wie etwa Gesundheitsminister Spahn, assistiert von Sachsens Ministerpräsident Kretzschmer („Geisterspiele sind besser als nichts!“). Auch Bayerns Regierungschef Söder und NRW-Ministerpräsident Laschet klatschten Beifall und begrüßten die Aktion vor leeren Stadion  als „ein Stück Normalität“. Sie meinten damit wohl die Rotation der Geldströme in diesem Geschäft.

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht hier immer um die Fußballmillionäre, denen in einer Auszeit ein gutes Buch mal wohlgetan hätte, denn finanzielle Sorgen hatten sie ja nie; im Gegensatz zu anderen Klubs, die Geisterspiele in die Insolvenz treiben können.

Genauso seltsam war, dass im April ein Brief verhallte, eine Erklärung der „Fanszenen Deutschlands“, in der sich 70 Ultragruppen versammeln, wo gefordert wurde, auf den Wiederstart der 1. und 2. Ligen ohne Publikum am 9. Mai zu verzichten. Die Fanorganisation „Unsere Kurve“ zog nach und benannte die Idealisierung der „Möglichkeit, Millionen Fans wieder etwas mehr Lebensfreude zu geben“ (Dortmunds Geschäftsführer Watzke) als das, was es ist: Augenwischerei und Profitgier.

Trotz dieses Gegenwinds wünschten sich die „36 Konzerne“, so hieß es in dem Brief, Sonderkonditionen, um auch in dieser Ausnahmesituation so viel Geld wie möglich abzuschöpfen. DFB-Präsident Keller hielt übrigens erst kürzlich, anlässlich des 30. Jahrestages der deutschen Einheit, wieder einmal eine Sonntagsrede, in der er sich mehr Traditionsostklubs in den oberen Ligen wünschte.

Ja, wovon denn, Herr Keller? Die meisten Traditionsklubs des Ostens kicken bestenfalls in Liga drei. Der große FC Rotweiß Erfurt – ein Schatten seiner selbst in der Oberliga – aber mit neuem Stadion. Chemnitz und Jena in der Regionalliga. Dresden und Magdeburg wieder abgestiegen aus der Zweiten. Der lange Weg von FC Union Berlin ist die Ausnahme, und den Kunstklub RB Leipzig hält sowieso kein echter Fußballfan für „aus dem Osten“.

So wurde der Wahnsinn dieser selbst ernannten Elite also zu Ende gebracht mit Coronatests aller drei Tage. Um jeden Preis wurde zelebriert, was schon viele Jahre kein Sport mehr ist, sondern ein hochkommerzialisiertes Geschäftsmodell.

Während die Freiberufler und Soloselbständigen immer noch ums Überleben kämpfen, mancher Hotel- und Gaststättenbetrieb nicht mehr weiß, nach welcher Decke er sich noch strecken soll, rollt die Lederkugel. In Dresden wagte man kürzlich sogar, über 10 000 Zuschauer ins Stadion zu lassen, in Magdeburg und Rostock waren es über 5000. Im Corona-Risikogebiet  Erzgebirgskreis spielte Zweitligist Aue vergangenes Wochenende vor 500 Zuschauern. Dagegen waren zur selben Zeit in der 1. Bundesliga des Handballs beim Spiel Mannheim gegen die DHfK Leipzig nur zehn (!) Trommler zugelassen!

Aber man kann ja nur meckern, wenn man den Selbstversuch gewagt hat. Deshalb habe ich mit Hilfe meines Presseausweises eine Akkreditierung in Jena – wo 1250 Zuschauer im Stadion waren, meist nur Dauerkartenbesitzer – erwirkt. Habe mich durch Sperrbänder geschlängelt und aufs Bier verzichtet. Wenigstens gab`s Bratwurst. Und ziemlich disziplinierte Zuschauer genauso wie aufmerksame Ordner.

Wie ist das vor so einer Kulisse? Macht das Spaß, wenn im Stadion nicht eine akustische Woge den Angriff der eigenen Mannschaft trägt? Aber schließlich hieß es schon im Alten Rom „Brot und Spiele“, um die Leute bei Laune zu halten. Vielleicht ist die Intension unserer Politiker eine ähnliche?

Wir reden also hier von der Regionalliga Nordost, in der am letzten Wochenende der FC Carl Zeiss Jena gegen den Chemnitzer SC antrat. Wie war`s?

„Wir woll`n Jena siegen sehn“, singen die Fans stets zu Beginn auf die Melodie von Rod Stewarts „Sailing“. Helfen tut das nicht immer, aber es macht so ein ungemein wohliges Gefühl! Übrigens auch, wenn es nur aus 1250 Kehlen kommt und die Münder hinter Masken stecken. Ansonsten ist eigentlich alles wie immer, nur dass die Phonzahl nicht auf Höchstpunkte kommt.

Es war aufregend – mit zwei gelbroten Karten. Der Schiedsrichter war eine Pfeife – wie viel zu oft. Man konnte sich so wunderbar aufregen – zu Recht oder zu Unrecht. Und als wir kurz vorm Halbzeitpfiff dem Gegner nahezu mit einem Eigentor die Führung schenkten, waren alle komplett sauer. Das macht es vielleicht aus: Dieses gemeinsame Leiden, das kollektive Jubeln, was (allerdings nicht nur) Fußball so unvergleichlich macht. Am Schluss aber haben wir trotzdem gewonnen! Die Sonne brach durch die Wolken und die Stimmung schwenkte ein auf „grandios“.

Wenn man nach so einem Spiel das Stadion verlässt, scheint man zu schweben. Und trotzdem bleibe ich zwiegespalten: Ist Fußball nun systemrelevant? Die Antwort findet wohl jeder selbst. Natürlich bräuchte man es nicht zum Leben. In diesen Zeiten schon gar nicht, wo selbst die Kanzlerin mahnte, man solle doch bitte möglichst zu Hause bleiben. Ich habe mich nicht dran gehalten und es nicht bereut. Weil so ein kleines bisschen Unvernunft einfach mal gut tut! Mit allen vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen selbstverständlich. Und eigentlich war`s ja sowieso eine Dienstreise.

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