Im Doppelpack

In zwei Abschlusskonzerten der Sommerakademie präsentierten sich 27 Teilnehmer

„Die besten Vergrößerungsgläser für die Freuden der Welt sind die, aus denen man trinkt.“ Man möchte Herrn Ringelnatz nur ungern widersprechen, aber die Musik ist auch so ein Brennglas für Freude. Davon konnten sich die Gäste der zwei Abschlusskonzerte der Internationalen Sommerakademie überzeugen, die mit diesem Doppelpack zu Ende ging. Ohne Zwischenfälle, zur Zufriedenheit, aber ein bisschen auch zur Erleichterung aller.

Und wieder bleibt festzustellen: Eine Zugehörigkeit muss man erleben – nicht definieren. Zehn Tage lang hatten 51 junge Musikerinnen und Musiker mit den Dozenten gearbeitet, wobei deren Autorität vor allem als Impulskraft und Ermunterung verstanden wird.

Chong Wang

Am Ende hatte die Perfektion der Organisation, auch der im Hintergrund, Früchte getragen. Der Abschlussdank ging an die vielen Helfer, aber genauso an die Sponsoren, „die uns nicht im Stich gelassen haben“, wie Dr. Theodor Elster, der Vorsitzende des Vereins Sommerakademie, nicht vergaß zu erwähnen. So ist die elfte Ausgabe der Meisterklassen Geschichte. Eine zwölfte steht übers Jahr schon im Plan.

Welche Worte findet man hier aber zum Abschluss für fast fünf Stunden Konzert? Es ist unmöglich, alle Teilnehmer namentlich zu nennen! Deshalb bleiben die folgenden Zeilen unvollständig und vielleicht auch ungerecht:

Nabil Shehata und Birgit Alpers-Meyer

Mein Favorit war das Kontrabasskonzert Nr. 2 h-moll von Giovanni Bottesini. Der Komponist wurde 1821 in Cremona geboren und war derjenige, unter dessen Leitung die Oper „Aida“ in Kairo uraufgeführt wurde. Seine Vorliebe für den Kontrabass goss er in vier Konzerte, die Nr. 2 ist wohl das beliebteste. Und das schwierigste. Was der Italiener den Solisten hiermit zumutet, ist atemberaubend. Die Partien führen über die gesamte Griffbreite – der Kontrabass spielt quasi Geige, schwierige Flageolett-Töne kommen hinzu.

In die drei Sätze des Bottesini-Konzerts teilten sich Dennis Pientak, Antonia Weiß und Lukas Rudolph; sie ernteten Jubelstürme! Was sie boten waren Spiel- und Spiegelbilder einer Leidenschaft, einfach hinreißend.

Den Konzertmarathon eröffnete Annie Zhang mit dem ersten Satz aus dem Violoncellokonzert C-Dur von Joseph Haydn. Sie spielte mit Verve und Gefühl für die ariose Schönheit der Noten. Wie neu gehört erklangen beispielsweise auch Satz 1 und 3 aus Mozarts Violinkonzert G-Dur KV 216. Die Solisten waren Cécile Vonderwahl, die schon in Dvořaks Klavierquintett am Kammermusikabend aufhorchen ließ, und Sara Göbel.

Xenia Bömcke

Einen überirdischen Sound mit der imaginären Kraft des Erfülltseins bot auch das zweite Kontrabasskonzert des Abends von Johann Baptist Vanhal (D-Dur). Chinatsu Mine, Rune Christian Schiölde und Xenia Bömcke überzeugten restlos.

Geradlinig und mit guter Laune spielte Uljana Katushonak den 1. Satz aus Mozarts Violinkonzert G-Dur KV 216, und der Haydn (Violoncellokonzert D-Dur) war bei Johannes Gray frisch einem Jungbrunnen entstiegen. Diesen jungen Mann hatte man sich auch schon aus erwähntem Farrenc-Klavierquintett merken können.

Oskar Kaiser

Das waren jetzt hier alles nur Streicher – wo bleibt das Klavier? Die Sommerakademie ist streicherlastig geworden, so jedenfalls der Eindruck. Wahrscheinlich wird es Hinrich Alpers anhand von Zahlen widerlegen können.

Aber: Am Abschlussabend interpretierte Anastasiya Magamedova Fréderic Chopins Nocturne Es-Dur op. 55,2 auf wunderbar sinnliche wie sinnstiftende Weise. Und Knut Hanßens Auftritt mit dem 1. Satz aus der letzten Beethoven-Sonaten Nr. 32 c-moll op. 111 war ein musikalischer Orkan.

Sara Göbel und Cécile Vonderwahl

Als Summe lässt sich feststellen, dass alle Interpreten in ihrem Spiel nie die Exzentrik suchen, sondern sich auf dem Grat zwischen Ausdeutung und Eindeutigkeit bewegten. Einige souveräner als andere.

Begleitet wurden die Solisten vom Kammerorchester Hannover, Wojciech Garbowski war als Gast der Konzertmeister. Der Klangkörper bewies vor allem Durchhaltevermögen und war verlässlicher Begleiter, manchmal allerdings ein wenig uninspiriert. Aber vielleicht ging das auf  Kosten des großen Arbeitspensums.

Die 11th Academy of music ist Geschichte. Sie war ein Erfolg trotz dieses widrigen Jahres insgesamt. Vielleicht fasst es am Ende Mark Twain zusammen: „Donner ist groß und eindrucksvoll, aber die Arbeit leistet der Blitz.“ Alle Musikerinnen und Musiker haben mehr als einen Funken in Publikum gesprüht, und das war dankbar genug, es mit viel Applaus zu honorieren.

Barbara Kaiser – 27. Juli 2020

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