Im Dienste einer Königin

Merle Hillmer spielte die Orgel im achten St.-Marien-Sommerkonzert

Zu Beginn sei hier gleich bekannt, dass ich befangen und somit eigentlich ungeeignet bin für diesen Text. Weil: Bestochen mit zwei Werken von Johann Sebastian Bach! Merle Hillmer gab ihr Konzert in St. Marien, das achte der Sommerkonzertreihe, und legte sich Präludium und Fuge a-moll (BWV 543) und Fantasie und Fuge g-moll (BWV 542) aufs Notenpult. Damit hatte sie meine Sympathie und einen Bonus!

Obwohl der nicht nötig war, denn was die gerade erst 19-Jährige an der Königin der Instrumente zu leisten vermochte, machte geradezu sprachlos. Geboren im Jahr 1997 in Walsrode, studiert die junge Frau seit 2015/16 an der Hochschule für Musik in Leipzig Kirchenmusik. Davor hatte sie Orgelunterricht bei Kreiskantor Erik Matz, der ihr, um ihre bereits großen Fähigkeiten wissend, diese Möglichkeit für das Solokonzert einräumte.

Übertitelt war das mit „Orgelmusik aus Deutschland und Frankreich von Barock bis Romantik“. 300 Jahrhunderte lagen so vor der Interpretin, von Dieterich Buxtehude und Bach und dessen letzten Schüler Johann Gottfried Müthel. Felix Mendelssohn-Bartholdy und Niels Wilhelm Gade – dieser dänischer Gast, der jedoch in Leipzig studierte und in jenem einen Fürsprecher fand. Ganz französisch wurde es mit Louis Vierne und seinem Finalsatz aus der Symphonie Nr. 3 fis-moll op. 28.

Fotos: Barbara Kaiser

Merle Hillmer begann mit Vincent Lübeck (1654 bis 1740) und dessen Präludium in E. Sie legte sich energisch ins Zeug, kraftvoll wie zierlich, mit Präferenz fürs Voluminöse. Ganz sanft danach Buxtehudes Choral (BuxWV 219) „Vater unser im Himmelreich“ – der Beitrag zum Lutherjahr, denn der deutsche Text stammt vom Reformator.
Dann das BWV 543! Das Präludium flüssig, nicht zu aufdringlich. Sehr schlank und ziemlich zügig; trotzdem voller Ausdruck. Die Fuge in atemlosem Tempo, dass der Zuhörer Angst bekam, die Spielerin könne sich hoffnungslos verstricken. Aber sie verweigerte sich jeglicher Hitzigkeit und brachte alles durchhörbar, souverän und sehr rhythmisiert zu einem guten Ende.

Johann Müthels „Fantasie in F“ ist ein variierendes, sich steigerndes, elegantes Thema. Es könnte die Begleitmusik gewesen sein für die Eskapaden, mit denen Goethe und sein Herzog Weimar und Umgebung unsicher machten – es entstand in derselben Zeit. Im Jahr als der Komponist starb – 1788 – kehrte der Dichter von seiner ersten italienischen Reise zurück und hatte zu Harmonie und Schönheit der Klassik gefunden.

Das Moderato F-Dur aus Niels Wilhelm Gades „Drei Tonstücke“ op. 22 war einfach nur schön und eine große Prise Romantik. Merle Hillmer spielte Wellness für die Seele in luftiger Leichtigkeit und bewegender Intensität. Sie fand sich auch durch den Mendelssohnschen Bombast von Präludium d-moll op. 37.
Als musikalischer Orkan erklangen dann Fantasie und Fuge g-moll, BWV 542. Die zwei voneinander unabhängigen Stücke entstanden wahrscheinlich für Bachs Bewerbung auf die Organistenstelle in Hamburg, denn die Fuge verbeugt sich mit einem niederländischen Volkslied vor dem greisen Amtsinhaber, dem Niederländer Reinken.

Bach formte hier ein Satzgefüge, in dem sich alle vier Stimmen mit absolut gleich hervortretender Leuchtkraft bewegen. Das gilt insbesondere für die brillanten und weit ausgreifenden Formulierungen des Pedals, die in der Geschichte des Orgelspiels bis dahin seinesgleichen suchten. Resultat solch kompositorischen Verfahrens und solcher spieltechnischer Ansprüche ist eine Schönheit der Tonsprache und eine spannungsvolle, unablässig vorwärtsdrängende Vitalität, die dieser Fuge höchsten Rang in ihrem Genre und nie verblassende Anziehungskraft auf Spieler und Hörer gesichert hat. Merle Hillmer entwickelte dafür eine ungeheure Spielfreude und Beweglichkeit! Kein verklebtes Legato, kein barocker Brei.

Der stolze Vater Ulrich Hillmer.

Am Ende warf sich die junge Organistin noch einmal der französischen Spätromantik zu Füßen. Dazu muss man nicht mehr viel sagen. Insgesamt waren es 70 Minuten Konzert, aus denen man beeindruckt hinausging! - Es sollte interessant sein, Merle Hillmer zu hören, wenn sie ihren ungestümen 19 Lebensjahren einige weitere zuaddiert hat. Wenn ihr Spiel, das moussierendem Wein vergleichbar ist, weiter ausgereift sein wird.

Am Samstag, 26. August 2017, gehen die St.-Marien Sommerkonzerte mit dem Gastspiel von Wieland Meinhold (*1961), dem Universitätsorganisten Erfurt/Weimar, zu Ende. Er spielt Werke zu „Barockes Italien & romantischer Norden“.
Barbara Kaiser – 20. August 2017

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