Hinter den Bildern liegt die Welt

Zur Ausstellung von Sabine Beyerle im Kunstverein Uelzen

Man müsse nicht um die ganze Welt reisen um zu begreifen, dass der Himmel überall blau sei, war sich Goethe sicher. Nun, gereist ist er trotzdem genug. Um sich danach aufzuregen über gewisse „jüngere deutsche Maler, sogar solche, die sich eine Zeitlang in Italien aufhielten“, und die „in ihren Landschaften so widerwärtige grelle Töne dem Auge darstellen und vor aller Harmonie zu fliehen scheinen“ und „dreist und getrost zur Antwort“ geben, „sie sähen die Natur genau auf solche Weise.“ Am Ende kam der Alte aber zu dem Schluss: „Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben; willst du aber dem andern und seinen Darstellungen vertrauen, so denke, daß du es mit dreien zu tun hast: mit dem Gegenstand und zwei Subjekten.“

Das war jetzt vielleicht zu viel der Vorrede, aber sie passt auf die Ausstellung von Sabine Beyerle wie kaum eine andere. Die Künstlerin aus Berlin ist im Kunstverein zu Gast, ihre meist großformatigen Werke zum Thema „Orte“ sind bis zum 5. April 2020 im Theaterkeller zu sehen. Die 45-Jährige ist um die Welt gereist und bringt uns jetzt ihre Eindrücke zurück, breitet sie aus vor unseren Augen, auf dass wir (wieder)erkennen oder uns einzufühlen vermögen.

Fotos: Barbara Kaiser

Die Malerin wurde 1975 in Leonberg (Baden-Württemberg) geboren und studierte von 1996 bis 2003 an der Universität der Künste in Berlin. Ihre Arbeiten tragen meist die Namen von Orten, und zu nahezu jedem kann die junge Frau eine Geschichte erzählen. Denn: Sie war 2015/16 ein Jahr lang auf Wanderschaft. Von Amerika nach Asien, Taiwan, Indonesien, Indien, Iran und Istanbul und zurück. Davor gab es eine West-Afrika-Route zwischen Marokko und Mali.

Angesammelt hat sich, neben zahllosen Eindrücken, Bildern, Düften, Lauten – das Wort „Weltanschauung“ kommt eben doch von „die Welt anschauen“ – eine Menge Arbeit. Eine lange Zeit beispielsweise beschäftigte sie sich mit der Ausbeute aus dem Iran. Weil der Orient für Mitteleuropäer eben doch eine der größten Faszinationen ausmacht.
Bilder mit Mosaiken und Bodenfliesen zeugen davon („Isfahan“, „Bazaar“, „Mogdabor“).

Von der Karibik erzählt eine alte Villa („Green Island“), die jeder einordnen kann, der schon einmal auf Kuba war. „Plage Blanche“, den weißen Strand, gibt es in Marokko. Das kleine Häuschen dagegen, man denkt dabei an das Hüttchen der Baba Jaga aus den russischen Märchen, steht in Slowenien („Gostilna“).

"Green Island"

"Gostilna"

Die Arbeiten von Sabine Beyerle entstehen mit Öl auf Leinwand und sind ästhetisch sehr einprägsam. Es sind Echoräume für eigene Empfindungen und Gedanken, sie sagen viel, erzählen eine Menge, schwatzen auch. Manche sind ganz gegenständlich, wie die beiden Gartenstühle von „Zweisam“, andere wiederum scheinen zu zerbröseln, zu zerrinnen – aber eine neue Chaosordnung zu finden.

„Bilder sind für mich wie eine leere Bühne“, sagt Beyerle im Gespräch. Obgleich sie keine Menschen malt (die Umsetzung reizt sie wenig), zeigt sie doch die Spuren, die diese in der Natur hinterlassen haben. Oft sind ihre Arbeiten eine Melange aus „lost places“ und Urlaubsfoto. Beyerle interessieren die Geschichten, die zurückbleiben, wenn der Homo sapiens den Raum verlassen hat. Wenn die Natur ihre Zurückeroberung begann.

"Legzira"

So erzählt Sabine Beyerle über ein Projekt und Arbeiten zum Berliner Plänterwald. Das war in Zeiten der DDR der größte Vergnügungspark der Stadt – das Riesenrad steht immer noch… Oder Arbeiten vom Tempelhofer Flugplatz, den die Hauptstädter als Freizeitareal nutzen und auch schon mal Hochbeete anlegen für Grünes. „Mich interessiert die Schönheit des Flüchtigen und Improvisierten“, bekennt die Künstlerin.

Und etwas von dieser Flüchtigkeit haben die meisten Bilder, auch wenn sie an keiner Stelle etwa oberflächlich wären! Hinter allen liegt die Welt in ihrer ganzen Opulenz oder dem Bizarren, wofür Sabine Beyerle ein feines Auge hat.

„Plage Blanche“

Mein Lieblingsbild ist übrigens „Camamu“. Es zeigt einen Kirchenraum in einem brasilianischen Dorf, in dem das Gestühl in gewisser Unordnung ist, weil im Vordergrund die Wände fehlen. Nach hinten jedoch, zum Altar hin, entwickelt sich ein Sog, dem man kaum widerstehen kann. Dieses Gefühl überkommt einen in St. Marien auch, wenn man im Orgelkonzert sitzt beispielsweise, wenn die Toccata von der Empore braust …

"Camamu"

Die Bilderwelt von Sabine Beyerle steht manchmal auf einem schmalen Grat zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein, zwischen wacher Wahrheit und Traum (von Vergangenem). Sie ist manchmal eine Vision aus nebelhaft ungreifbaren Farben und Formen, nur wie zufällig zur Gestalt verdichtet, sich wieder ins Nichts verlierend. Sie ergibt sich aus fantastischen Liniengespinsten und führt den Betrachter dorthin, wo Dinge leicht werden, ohne an Gewicht einzubüßen. Und diese Welt trägt die Wucht einer schönen Erinnerung…

Aber wenn man Kunst vollständig, endgültig verstehen will, verstanden hat, bleibt doch kein Widerhaken, der das Denken fortsetzt. Verstandenes kommt zu den Akten. Die Bilder von Sabine Beyerle gehören dorthin keinesfalls.
Barbara Kaiser – 28. Februar 2020

1 Antwort

  1. Liebe Barbara, diese Ausführungen waren für mich aufschlussreicher als die der Fachfrau bei der Vernissage. Danke. Dein Lieblingsbild erinnert mich an das Erdbeben vor Jahren in Italien, bei dem der pompöse Überbau zerstört wurde, nicht aber das ursprüngliche Kapellchen (war es das von Franz von Assisi?) darunter... Mein Lieblingsbild ist übrigens das mit der Schaukel ("It Don't Mean a Thing If It Aint Got That Swing"). MfG Jürgen Trumann

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