Herzensbrecher

Björn Casapietra in der Dreikönigskirche Bad Bevensen zu Gast

Es war die dritte Zugabe, in der Björn Casapietra am authentischsten war. Nach knapp 90 Minuten Konzert sang er Konstantin Weckers „Was keiner wagt, das sollt ihr wagen“. Ehrlich, aufrichtig, anständig – auch wenn er sich der finalen Tenorschnörkel auch hier nicht enthalten mochte.Wer zu Casapietra kommt, will eine schöne Stimme hören und Musik, die ans Herz greift, unter die Haut geht. Im Interview vorab hatte der Künstler alles andere als einen „staubtrockenen Liederabend“, Humor und Moderation versprochen und zusätzlich behauptet: „Ein gutes Konzert sollte eine Form von Eskapismus sein.“ Weltflucht also, Realitätsverweigerung. Da darf man durchaus geteilter Meinung sein!

Fotos: Barbara Kaiser

Fotos: Barbara Kaiser

Das Konzert war eine musikalisch recht einförmige Angelegenheit. Zu viele ähnliche, schwermütige Weisen erklangen da, ein wenig distanziert dargeboten, kaum moderiert. Persönliches Charisma strahlte selten, die Interpretation erschütterte nicht, weil sie mit genau der Portion Pathos zu viel überladen wurde. Auch die Klavierbegleitung von Ilze Korodi bediente dieses Schema, obwohl sie dem Sänger eine sichere und kongeniale Begleiterin war. Ihr Chopin-Walzer, Gelegenheit zu einem Solo, war ein blitzblankes Stück E-Piano. Dafür hätte man der Lettin einen Flügel gewünscht.

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Björn Casapietra, die glückliche Gen-Mischung eines Dirigenten-Vaters (Herbert Kegel) und einer Sängerin-Mutter (Celestine Casapietra), holt mit seiner Darbietung Wirkung aus Sphären, wo alle Nervosität und Gehetztheit unbekannt sind. Selten aber macht er die Stimme ganz auf. Dabei kann er damit strahlen und der Wechsel zur Kopfstimme funktioniert fast immer makellos. Ein weiches, verhauchtes Timbre prädestiniert ihn für das Leise, dabei kann er auch heldenhaft.

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Die Vokalität des Sängers kennt kaum eine Schwäche, trotzdem bleibt viel zu oft der Text auf der Strecke, weil er stimmlich lieber glitzert und tänzelt. Der Tenor scheint ein wenig zugeknöpft zu bleiben, der hochgestellte Jackettkragen unterstreicht das.
Vor acht Jahren war Casapietra im Theater an der Ilmenau zu Gast, da war der heute 44-Jährige Gaukler, Schelm und großes Kind. Charmant und mühelos schön zeigte er, dass Liedgesang keine Salonkunst ist, sondern auch tiefer sublimer Ausdruck intimster Wahrheiten. Und dass er Spaß macht! So viel Bekenntnis blieb Casapietra diese Mal schuldig.

Die keltische Mystik, die irischen und schottischen Volkslieder sind ohne Zweifel sehr hörenswert – aber ein wenig Abwechslung hätte dem Programm gut getan. Genauso wie ein wenig mehr Temperament von Beginn an.
So bewegte sich Björn Casapietra zwischen „True love of mine“, einem alten Lebe-Wohl-Auswanderer-Lied der Schotten und Iren, dem sakralen „I hear the voice“ und einem Song der Filmmusik aus „Das Leben ist schön“ in eigener Übersetzung. Dass er Dirk Michaelis` bekanntestes Lied „Als ich fortging“, ein Hit der DDR-Gruppe „Karussell“, unbedingt ins Politische heben musste, sei ihm freigestellt; eigentlich ist es nur ein Liebeslied. Ein jiddisches Schlaflied und „Guten Abend, gut` Nacht“ von Johannes Brahms, ein Csárdás aus der Rubrik Zigeunerlieder.
Auf jeden Fall bewies das Publikum trotzdem, so als hätte es nur auf die Gelegenheit gewartet, dass es Chorus-fähig ist. Das alte „The sun shines bright on Loch Lomond“ geriet zwar mehr zum Parademarsch denn zum Volkslied, aber bei „O, sole mio“ lag man sich aufgekratzt fast in den Armen. Ein bedenkendes John-Lennon-Imagine – „Nothing to kill and die for…“ dazwischen und dann - Konstantin Weckers Aufforderung, diese Welt ein bisschen besser zu machen durch Zivilcourage. Dieser Schluss wäre dann allerdings dem Wunsch nach Eskapismus zuwider gelaufen. - Aber solche Auftritte bleiben eben immer wieder auch und vor allem Geschmackssache.
Barbara Kaiser, 4. Oktober 2014

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