Herr Shakespeare wachte auf

Theater-AG der BBS I spielte „Was ihr wollt“ und hatte den Dichter höchstselbst zu Gast

Haben sie sich doch, die quicklebendigen und spielfreudigen jungen Menschen der Theater-AG der BBS I mit ihren Regisseurinnen Uta Schwarznecker und Silke Prause, in diesem Jahr wirklich an den großen Briten gewagt. Das ist durchaus angesagt, denn im vergangenen  Jahr war dessen 450. Geburtstags zu gedenken und in 2016 würdigen alle Theaterspielpläne den 400. Todestag des Dichters.

Setzte die muntere Truppe vor einem Jahr Goethes „Faust“ mit aufregenden Gegenwartsbezügen aufs Programm, widmete sie sich jetzt der Komödie „Was ihr wollt“. Und das Besondere: Uta Schwarznecker hatte eine Rahmenhandlung dazu erfunden, die umwerfend komisch ist. Wie immer übrigens, wenn sich historische Personen  urplötzlich in unserer Gegenwart wiederfinden, was man in Eva Baronskys Roman über Mozart in ähnlicher Lage nachlesen konnte. Und in Timur Vermes` Bestseller „Er ist wieder da“ – dort allerdings weniger lustig, bedachte man die Konsequenz.

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Fotos: Barbara Kaiser

Nun war also Mister Shakespeare - herrlich naiv bei dennoch angemessenem Selbstbewusstsein des erfolgreichen Autors: Kenny-Mike Venâncio –  aufgewacht und trifft auf die heutige Regisseurin Anne – sehr kundig, außerordentlich tough und ganz ohne Berührungsängste gegenüber dem Meister: Janina Schmidt.
Nachdem der William, den Anne „Will“ nennen darf, mit Deo ein wenig frisch und akzeptabel für einen Dialog gemacht worden war, ging`s los: „Wir spielen `Was ihr wollt`“, sagt Anne. Erwiderung Shakespeares: „Wie es euch gefällt!“

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Diese zwei Theaterstunden verstanden es, mit unauffälligen klugen Mitteln vor allem in der Rahmenhandlung Wahrnehmung zu irritieren. Sie waren Slapstick-Parcours, ein Bündel an Agilität, nicht nur gepeppter Aktionismus. Keine Sekunde Langeweile in dieser maßlosen Buntheit, die trotzdem klar und genau zeichnete.
Zum Beispiel die versoffene Hofgesellschaft, die sich`s auf Kosten der trauernden Gräfin Olivia (eine schöne Denderah Bresch in gemessener Anmut) gut gehen lässt. Nichtsnutze allesamt. Großklappen, immer für einen Schabernack gut – Haushofmeister Malvolio (ein armer Tropf, Opfer seiner Eitelkeiten: Julian Ruschenbusch) wird es zu spüren bekommen -, wenn es ernst wird, auch feige. Nele Pauls, Inga-Lena Bahlo und Michelle Barth gaben ihnen Profil und ganz viel Präsenz. An ihrer Seite Rahul Pathak als ein Ritter Bleichenwang, der die Bühne zu sprengen drohte mit seinen Auftritt; da bleiben keine Wünsche offen.

was-ihr-wollt3Catharina Grassau war Viola, das zarte Mädchen in Männerkleidern, das sich in Herzog Orsino (eher gelangweilter Beau als feurig Liebender: Chris-Nico Fleischmann) verguckt und doch nur sein Liebesbote sein darf bis zum wunder-glücklichen Happy End.
Und dann gibt es noch den Narr: Franziska Struck mit Nachdenklichkeit und trotz der Bindung an den Hof in zwingender Souveränität dieses Berufsstandes. –
Man kann den vielen anderen Mitwirkenden auf der Bühne und hinter den Kulissen nur danken für diese Teamarbeit; der tosende Beifall am Ende war Beweis und Lohn dafür. Ein hübsches wie pragmatisches Bühnenbild zauberte Atmosphäre, die Ausstattung ging ins Detail. So trank Anne aus einer Tasse mit dem Shakespeare-Bildnis drauf!

was-ihr-wollt2Seinen Witz und seine Imagination bezog das Stück vor allem aus der Rahmenhandlung, nicht aus dem üblichen Verwechslungsspiel und der Frage wer ist wer und ist der wirklich was er scheint?  Vielleicht sind uns auch die leidenden Liebesgeplänkel anno 1600 ein wenig fern heutigen Tags. Die zauberhafte Verflechtung diverser Shakespeare-Zitate im erfundenen Teil aber war ein Bilderbogen, der trotzdem auch Spannungsbogen blieb. Beispiel: Wenn Regisseurin Anne ihrem Will anhand seines 18. Sonetts erklärt, dass er auch ein guter Rap-Musiker geworden wäre, ist das umwerfend. Knistert es da nicht ein klein wenig zwischen dem Alten und der jungen Frau? Kein Wunder bei solchen Versen: „Soll ich vergleichen einem Sommertage/ Dich, der du lieblicher und milder bist?“ (Übersetzung Stefan George 1909)
Geradezu rührend des Dichters Frage, ob er wirklich auch nach 400 Jahren noch gespielt würde. Und angesichts von Google und Smartphone schwant ihm wohl, dass es mit den Urheberrechten auch nicht einfacher geworden ist mit der Zeit.

was-ihr-wollt1„Um ernst zu sein genügt Dummheit, während zur Heiterkeit ein großer Verstand unerlässlich ist“, lautet eine der Shakespeareschen Weisheiten. Das besitzt Allgemeingültigkeitsstatus! Wie viel der Mann doch über die Menschen wusste! Die Theater-AG brachte uns diesen Dichter auf berührende Weise nahe; laut und grell, aber auch listig-lauernd, mit Blick für das Absurd-Komische. Weil Theater immer ein Tauschgeschäft mit dem Dichter ist: Text gegen Interpretation.
Theater sei zudem „Überschwemmung“ des Zuschauers, forderte Heiner Müller. Es solle ihn konfrontieren und ihn auch mal allein lassen. Versteht man die „Überschwemmung“ hier als mitreißende Bühnen-Verzauberung, die uns William Shakespeare, der vor langen 400 Jahren starb, ganz eng an die Seite rückt – dann ist dem einen wie dem anderen Dramatiker wohl Genüge getan. Denn genau das war`s! Ein meisterlicher Wurf eines Laientheaters, dessen Freude, Engagement und Authentizität sich dem Publikum in jeder Spielminute mitteilte.
Barbara Kaiser – 20. Juni 2015

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