„Herkuleskeule“ stand auf der Bremse

Dresdner Kabarettisten zogen sich aufs Altenteil zurück

Man will sich vor allem amüsieren in lacharmer Zeit! Deshalb hat offenbar die Politikmüdigkeit das Kabarett erreicht. Beim Gastspiel des Dresdner Kabarett-Urgesteins – immerhin wird das am 1. Mai auch schon 56 Jahre alt – wartete der Zuschauer vergebens auf eloquente Spitzen und messerscharfe Analysen. Die auf der Bühne entdeckten lieber den Witz im absurden Alltag. „Die Herkuleskeule“ war im Theater an der Ilmenau zu Gast und brachte die Welt und ebendiesen Alltag zur Sprache und das Publikum – naja, zum Lachen.

„Willst du dein Herz mir schenken, dann vor dem Herzinfarkt“, hieß es im Abgesang als lupenreiner vierstimmiger A-capella-Chorsatz von Brigitte Heinrich, Detlef Nier, Michael Rümmler, Jens Wagner (Klavier) und Volker Fiebig (Drums, Gitarre), den Akteuren aus Sachsen. Weil die Grippewelle offenbar auch im Freistaat umgeht, änderten die Gäste das Programm von „Die Zukunft lügt vor uns“ in „Leise flehen meine Glieder“, womit sie eine Wiederauflage von vor neun Jahren boten. Das machte das Programm seltsam abgestanden.

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Jens Wagner, Klavier            Fotos: Barbara Kaiser

Kabarett in Zeiten des Wahlkampfes! Satire mit Trump, Putin, Merkel und Erdogan an der Macht – man hatte sich einen bissigen Abend erhofft! Aber bis auf den „sprechenden Hosenanzug… Miss Marple aus der Uckermark“ blieben all die selbsternannten Cäsaren unerwähnt. Dagegen verkündete die „Rentnertruppe“ von der Bühne herab, dass sie keineswegs einfach „sozial verträglich ableben“ wollen - das war das Unwort des Jahres 1998! Seit wann ist Kabarett denn so altbacken? Aber: Sie wollen ruppig, widerborstig, impertinent sein. Erinnerungsverklärt auch.

Theater Herkuleskeule3_bearbDie Akteure sind gelernte Schauspieler. Wie es Dieter Hildebrandt verlangte: „Wir haben rhetorisch reden gelernt und vorher natürlich nachgedacht – was man von Politikern nicht immer sagen kann“, versicherte der einmal im Interview. Diese Darstellungskunst war der Bonus des Abends, der ansonsten lau blieb.

Theater Herkuleskeule mit Volker Fiebig Gitarre_bearb

Volker Fiebig, Gitarre

Das Trio nahm zwar kein Blatt vor den Mund, weil ihnen allen Honecker und Kohl passiert war – was könnte da noch kommen an anderen Katastrophen? Die Gegenwart aber beweist doch, dass es durchaus schlimmer geht! Heinrich, Rümmler und Nier schlugen drauf, denn diese Bundesrepublik ist keine und mag keine Mimosen. So ganz wie mit der Keule des griechischen Namensgebers, der mit der Hydra fertig wurde, den Zerberus aus dem Hades schleppte und die Augiasställe ausmistete. Trotzdem blieben die Schläge diesmal schaumgebremst, allbekannt und veraltet – der Tod jeder Satire.

Theater Herkuleskeule4_bearb„Satire beginnt dort, wo der Spaß aufhört“ ist der Titel eines Buches von Peter Ensikat, der bis zu seinem Tod 2013 auch Hausautor des Dresdner Kabaretts war. Der Spaß mit der politischen Lage dieser Welt hat schon lange aufgehört, zu hören war darüber im Theater  nichts. - Für die über 70-Jährigen im Saal wurde die Vorstellung zudem nicht immer ein Grund zum Mitlachen, zeigte er ihnen doch die eigenen, noch verbleibenden Jahre auf. Mag sein, dass der Abend  auch Abrechnung war. Und da sind der grobe Ton und Widerstand wohl angebracht. Da  ist es Recht, wenn die Alten nach Heines Gedicht von den Schlesischen Webern rapen: „Deutschland, wir weben dein Leichentuch!“ Der Sozialstaat macht`s nicht mehr lange mit 20 Millionen Grauen Panthern!

Theater Herkuleskeule2_bearbSätze fürs Feuilleton waren allerdings wenige dabei in den zwei Stunden, die die „Senioren“ putzmunter und stimmgewaltig auf die Bretter legten. Das Subtile, das Hintersinnige, der verbale Feinstaub blieb in den Nebensätzen. „Marx und Engels? Was haben wir draus gemacht? Max und Moritz. Man müsste wieder an was glauben.“ Genau!

Es war ein Abend des diffusen Rebellionsvokabulars, das manchmal auch daneben griff, sarkastischer Selbstverkauf an die Schlagzeile blieb. Der Ton ist schärfer geworden in der Politik, nicht nur in diesem Land. Warum parierte dieses Kabarett den nicht? Weil es sich an die alltagstauglichere Comedy anschmiegt?
Da blieben Zeilen wie diese solitär: „Ihr baut auf die Intelligenz eurer Waffen und bleibt im Herzen Steinzeitaffen!“ Oder: „Darf ich einen Streifenwagen, der eine Nazi-Demo beschützt, die Reifen aufschlitzen?“ – Aus dieser beängstigenden, kriegerischen Gegenwart muss doch in einem Kabarett, das sich als politisch versteht, anderes zu machen sein!?
Barbara Kaiser – 19. März 2017

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