Hattrick-Opus und Waldstein-Sonate

Hinrich Alpers absolvierte bei „32mal Beethoven“ die fünfte Runde

Der Abend war an keiner Stelle geschmeidig. Selbstverständlich schon gar nicht. Obendrein so, als wollte der Pianist sein Publikum prüfen, wie viel an Geschwindigkeitsrausch es aushält. Wie viel Aggressivität im Spiel möglich ist, ohne danach gescholten zu werden wegen Ruppigkeit oder mangelnder Sensibilität. Hinrich Alpers ist in seinem musikalischen Marathon bei op. 31 und 53, den Sonaten G-Dur, d-moll und Es-Dur. Und C-Dur, seinerzeit dem Grafen Waldstein gewidmet, angekommen.

Nun darf man ja bei Hinrich Alpers sicher sein, dass er, ehe er sich an den Flügel setzt, vorher denkt. Dass er die Charakter- und Tempobezeichnungen des Komponisten ernst nimmt. (Wobei das Tempo bei Beethoven schwierig bleibt.) Entsprechendes Temperament und die technischen Reserven dafür ergänzen sein Spiel, davon können wir Zuhörer uns bei jedem Auftritt überzeugen.
Und so waren die drei Sonaten op. 31 – es ist das letzte Mal, dass Beethoven mehrere Stücke unter einer Opus-Zahl zusammenfasst – Kompositionen, geschmiedet aus Feuerwerk, Explosionen aus harmonischer Qualität und rhythmischer Eleganz, zwischen Bewegungsfreude und komponiertem Stillstand, ohne Angst vor Leere.

alpers-beet
Ludwig van Beethoven hatte zuvor selbstbewusst geäußert: „Ich bin mit meinen bisherigen Arbeiten wenig zufrieden, von nun an will ich andere Wege beschreiten.“ (Das Publikum möchte dem Meister widersprechen, schließlich erlebte es an vier Abenden bereits die hohe Kunst zwischen op. 2 und op. 28!)
Über die „neuen Wege“ sprach Hinrich Alpers in seinem Einführungsvortrag. Er wies auf einen speziellen kleinen Auftakt hin (op.31,1), stellte die Largo-Einleitung vors Ohr seiner interessierten Zuhörer, die in das Allegro mündet (op.31,2) und erklärte das umrätselte Ritardando-Vorspiel vor dem eigentlichen Beginn (op.31,3). Dass Beethoven nicht zwingend eine Melodie benötigte, um ein Thema zu erschaffen, wird bei der Waldstein-Sonate hörbar (op.53), in deren Beginn das Pianissimo-Grummeln ein sanfter Sonnenaufgang (bei den Franzosen heißt die Sonate auch „L`Aurore“) oder Huftiergetrappel sein kann. Alpers demonstrierte Pedaleffekte und hatte eines der wichtigsten Dokumente der Zeit dabei: Das „Heiligenstädter Testament“.

alpers-beet2
Und vielleicht lässt sich mit eben dessen Inhalt und Anliegen die den Erläuterungen folgende Interpretation und Spielweise des Pianisten erklären. Weil das Resümee für den fünften Sonatenabend lautet: er bediente für einen Hinrich Alpers ungewöhnlich viel das Forte, war eilig, rasend, wütend. Kämpferisch wie rücksichtslos.

Denn wer hätte diese Sätze aus Beethovens Testament, das er 25 Jahre vor seinem Tod verfasste, noch nicht gehört? Während eines Kuraufenthaltes nahe Wien notierte er 1802 für seine Brüder den Text, den man getrost verallgemeinern darf: „O, ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störisch oder Misantropisch haltet…. Verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gerne unter euch mischte… doppelt wehe thut mir mein Unglück… welche Dehmütigung, wenn eins neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte…. Es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben…“
Es ist eines der am meisten anrührenden Dokumente der Musikgeschichte. Verfasst von einem mit großer Wahrscheinlichkeit verzweifelten 32-Jährigen – das wollen wir nicht vergessen.

alpers-beet3

Ohne ihn geht es nicht: Der Klavierstimmer. Fotos: Barbara Kaiser

Auch diese Fassungslosigkeit des tauben Musikers über sein Schicksal legte Alpers in seine forschen Interpretationen und hat womöglich den einen oder anderen Zuhörer irritiert. Er spielte die G-Dur-Sonate (op.31,1) gänzlich unverträumt, vehement und mit motorischem Verve. Das Adagio grazioso des zweiten Satzes, das übrigens einer der längsten langsamen Sätze bei Beethoven überhaupt ist, schafft er in etwa acht Minuten. Es gibt Pianisten, die bringen es auf zwölf! Allerdings findet er dabei eine schöne Mitte zwischen „Adagio“ und „Grazioso“ und macht es nicht zur biedermeierlichen Salonmusik. Denn es ist dieser Sound des Stummfilmkinos, der Liebespaare in Gartenlauben begleitet!

In der Sonate d-moll op.31,2, der „Sturm-Sonate“, gibt der Interpret den harmonisch stark reduzierten Mitteln die Meditation, die`s braucht. Romain Rolland war es, der sagte, dass dieses Stück ein Dialog Beethovens mit seinem Schicksal ist.
Übrigens sei hier Hinrich Alpers` Ansicht, er halte den lapidaren Hinweis Beethovens, man solle Shakespeares „Sturm“ lesen, um seine Musik zu verstehen, „für Quatsch“, Folgendes an die Seite gestellt: Shakespeares Drama ist dessen poetisches Testament. Der Zauberer darin zerbricht am Ende seinen Zauberstab und schwört dem „grausen Zauber“ ab. Und: sein „dritter Gedanke (soll) das Grab sein“. – Steht es nicht ähnlich im „Heiligenstädter Testament“?

Für die Sonate Es-Dur op. 31,3 legt Hinrich Alpers noch einmal einen Presto-Zahn zu und scheut sich ein wenig vor der Langsamkeit, will keine Zeit für Stille verschwenden. Auf jeden Fall steht er in diesen virtuosen Stürmen souverän und sicher, breitet die brillant strahlende Oberfläche des Werkes voller Überfluss und Reichtum aus. Die folgende C-Dur-Sonate op. 53 (Waldstein) war noch eine Draufgabe auf diesen rauschenden Abend, der loderte und funkelte; atemlos machte, einen aber manchmal seltsam unangefasst zurück ließ. – Weiter geht es am 18. Januar 2015.

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben